3.07.09

Bankgeheimnis

Die Finanzkrise ist nun ausgewachsen und kriegt Kinder. Im Zuge der Neuregulierung der Finanzmärkte wird die heilige Kuh der Schweiz geschlachtet, das Bankgeheimnis. Die andere heilige Kuh, die lilafarbene darf noch etwas auf der Weide bleiben, aber aufgrund des Zerfalls der Milchpreise ist auch sie als toxisch einzustufen. Kein Wunder, diese Farbe kann ja wohl nicht natürlich sein, da sind sicher ganz fiese Substanzen im Spiel. Wenn ich Hindu wäre, würde mir Angst und Bange werden wie Kuhfeindlich die globale Wirtschaft doch geworden ist. Beim Bankgeheimnis sind wohl nur Schweizer und sonstige Inselbewohner gläubige Kuhfreunde, der Mainstream tendiert eher zum gläsernen Bürger-Schwein, das jederzeit geschlachtet werden kann.

Um es gleich Vorwegzunehmen, ein Finanzplatz als Ali-Baba Höhle für Steuerbetrüger ist weder Fair noch nachhaltig am Leben zu erhalten. Schlupfwinkel müssen laufend gewechselt werden, so will es das Gesetz von Katz und Maus. Und wenn dies jetzt passiert ist es kein Grund zur Panik. Der Kampf gegen Steuersünder treibt aber dieselben seltsamen Blüten wie der Kampf gegen Terror oder Kinderpornos. Rechtfertigt das Böse den Beelzebub? Noch gibt es ein paar Greise, die nicht alles bei Facebook, YouTube oder der öffentlichen Hand Gottes zeigen wollen und so etwas absurd-altmodisches wie Privatsphäre wollen. Da andererseits der Cäsar haben will was des Cäsars ist, braucht es im Steuerbereich ein Instrument um Kreis und Quadrat unter einen dreieckigen Magierhut zu bringen: Die Quellensteuer. Von Erträgen wird Pauschal eine Summe abgezogen und anonym an die Staatskasse des Heimatlandes überwiesen. Normalerweise ist diese Summe höher, als wenn die Bürger dafür Einkommens-Steuern deklarieren. Trotz Diskretion ist der schweizer Staat ja kein Depp und lässt sich die Butter vom Brot nehmen. Bei ausländischen Kontoinhabern sah man das lange allzu locker, wehrte sich gegen Quellensteuer für alle und kassiert nun Schläge.

Dummerweise war man so selbstsicher bis selbstgefällig, dass man sich nicht auf den Ernstfall vorbereitete und nun wegen ein paar Attacken gleich in Panik ausbricht. Eis kann für Schiffe ganz schön gefährlich werden wie die Titanic bewiesen hat, aber wenn ein paar Eiswürfel statt im Single-Malt auf dem Tisch landen, muss man nicht gleich die Rettungsboote klarmachen. Vermutlich kann man deshalb nicht in aller Ruhe Trümpfe wie Quellensteuer spielen, weil man so lange mit vollem Bewusstsein falsch gespielt hat und sich ertappt fühlt. Kommt hinzu, dass Staatsbedienstete oder Verbandsfunktionäre ein schier unerschöpfliches Verlangen nach PR-Fettnäpfchen haben. Vermutlich rührt das Problem daher, dass Kommunikation als so ein Frauendings angesehen wird und die gestandenen Herrschaften mit militärischen Hintergrund Angst haben als Warmduscher dazustehen wenn sie die Kunst der Rhetorik bzw. PR praktizieren. Ist natürlich schon schwer zu vermitteln, dass man sich statt an Winkelried eher an Paris Hilton orientieren sollte um auf dem Schlachtfeld der Skandale zu gewinnen. Oder sich eine goldene Nase zu verdienen, das dürfte vermutlich eher überzeugen.

Wäre auch zu schön gewesen, wenn die Metapher mit den Indianern und der Kavallerie dahingehend gewichtet worden wäre, dass die Kavallerie eine Schutztruppe für diebische Siedler war, die den Indianer das Land weggenommen hat. Doch der Steinbrück ist als Steinbruch für Ideen ganz valabel. Wenn man überlegt, dass die Indianer in ihren Reservaten bereits mit Casinos Geld verdienen, ist es wohl nur noch eine Frage der Zeit bis Häuptling fieser Fuchs und ein wendiger/windiger Anwalt auf die Idee kommen, Gelder des weissen Mannes diskret beim Schatz am Silbersee zu bunkern.

So oder so, die Karawane zieht nun weiter. Die Steueroase am Silbersee fände ich romantischer als das naheliegende Dubai. Egal wohin das Schwarzgeld hinzieht, für die Schweiz ist nun ein kleiner Wechsel der Fronten angesagt um andere Steuersümpfe Schritt für Schritt auszutrocknen und dann den Joker zu spielen. Es ist kaum anzunehmen, dass sich wohlhabende Bürger wehrlos ihrem Schicksal fügen. Wer früher einfach A wie Auslandskonto sagte, wird dann halt B wie ByeBye sagen und wegziehen. Was auch konsequent wäre, denn es leuchtet nicht ein, wieso jemand von den Vorzügen eines Landes profitieren soll ohne dafür zu bezahlen. Als Boris Becker erwischt wurde, weil gemäss seinem Terminplan der Lebensmittelpunkt nicht in Monaco sondern in Deutschland lag, war mein Mitleid gering. Ein voller Umzug ist hart und braucht einigen Druck, aber ich bin zuversichtlich, dass die deutsche Politik das bravurös hinkriegen wird.

Dann schlüge auch die Stunde von Ländern mit vernünftigen Steuergesetzen, wo mir so auf Anhieb Schweiz einfällt. Mit vernünftig meine ich solche Kinkerlitzchen wie nachvollziehbare Gesetzgebung, pragmatische Auslegung mit Verhandlungsbereitschaft von Behörden bis zur hochintelligenten Berechnung, dass Einkommenssteuern neben Mehrwertsteuern oder Mineralölsteuern nur ein Teil des ganzen Kuchens sind. Progressive Spitzensteuern sind zudem nur das Sahnehäubchen darauf, aber nicht die Hauptmahlzeit wie viele deutsche - und französische Politiker ihren Wählern gerne erzählen um ihnen vorzugaukeln es gäbe einen jemand anders der die Zeche zahlt. Und damit auch ankommen. Leider komme ich dadurch immer wieder zum Schluss, dass in den beiden Ländern der Feudalismus noch immer als die wünschenswerte Staatsform angesehen wird. Das Ideal ist ein Junker, der sich den schönen Künsten widmet, während ein doofer Gutsverwalter mit simpler Krämerseele das Geld heranschafft oder den Bauern den Zehnten abknöpft. Das muss nicht pauschal negativ sein, Ludwig II hat Bayern in den Staatsbankrott getrieben, aber dafür das kulturelle Erbe der Menschheit um die Schlösser Neuschwanstein & Co. bereichtert. Und dieses Beispiel zeigt auch gleich noch eine Ausnahme von der Regel. Meinem Gefühl nach gibt es gerade in Bayern (und BaWü) überproportional viele Leute die wissen, dass man eine Kuh nicht nur melken kann, sondern auch mal gelegentlich füttern muss. Oder die Skandinavier - die minimale Arbeitslosigkeit zeigt, dass man sich bei Bedarf auch einen üppigen Wohlfahrts-Staat gönnen kann - inklusive Schutz der Privatsphäre. Vielleicht deshalb, weil beispielsweise der norwegische Landwirtschaftsminister selber Bauer ist und das Ding mit dem Melken und Füttern auch kapiert hat. Und ausserdem derartig gelebte Bürgernähe zu einer anderen Politik führt als geschliffene Rhetorik über partizipatorische Prozesse. Diesen Begriff habe ich übrigens nicht erfunden, den gibts wirklich. Leider.

Als Vorbild vom Uebergang vom Feudalismus zum Kapitalismus bzw. präziser Bourgeoisismus sehe ich England. Während der Adel in Frankreich und Deutschland in ersterem Beispiel mit Pauken und Gouillotinentrompeten und in zweiten Sang- und Klanglos unterging, haben die britischen Royals es verstanden, ihre Wirtschaftseliten bei Stange zu halten indem sie schon früh an der Macht beteiligt wurden, aber auch nach happigen Steuerzahlungen, inklusive Spenden für die Wohlfahrt, als Belohnung zu Sirs gemacht werden. Wäre doch mal eine Idee, einem Spitzensteuerzahler einfach mal zu danken, zum Beispiel mit einem Orden oder einer Einladung zu einem Grillfest wo dann auch festgestellt werden kann, wer nicht eingeladen wurde weil er in der entsprechenden Szene nicht teilnehmen will (Kavaliersdelikt) oder nicht kann (Pleitegeier??). So oder so, teilnehmen ist alles und das ohne pauschalen Dopingverdacht.

Noch ein interessanter Aspekt: Grossbritannien wettert auch gegen Steueroasen, nimmt aber die Kanalinseln schon vorab aus der Schusslinie. Vermutlich wohlwissend, dass die verlorenen Summen den Fiskus weniger teuer zu stehen kommen, als Gelder die sich auf eine weite Reise ohne Widerkehr machen und dann für Investitionen fehlen. Pikanterweise sieht das China mit HongKong ähnlich, aber die Farbe der Katze ist den roten Mandarinen egal solange sie Mäuse fängt. So gesehen dreht Mammon eine kleine Pirouette auswärts, ist aber zum Abendessen wieder zuhause. Oder unter dem Blickwinkel einer Kreditkartenfirma: Eine kulante Erstattung bei Betrug ist billiger als permanenten Aerger mit Kunden und Oeffentlichkeit und dadurch sinkenden Einnahmen bei den Nutzungskommissionen. Zumal die Schadenssummen im einstelligen Promillbereich liegen und einen geringen Teil der Verwaltungs- und sonstigen Kosten ausmachen. Der Datenschutz oder Privatsphäre sind bei solchen In-House-Off-Shore Lösungen auch gar nicht so wichtig, der Staat hat sogar ziemlich umfangreiche Möglichkeiten im Bedarfsfall an Daten ranzukommen bzw. die Aktivitäten durch Geheimdienste überwachen zu lassen. Aber das ist wie in einem Table-Dance Club: Hingucken ja, Hinlangen nein. Vermutlich haben dort die britischen Abgeordneten das Steuerkonzept für die Kanalinseln erarbeitet. So gesehen sollten sie für ihre Spesen nicht so hart gegeisselt werden.

Eine steuerfreundliche Politik nicht zwangsläufig mit Neo-Liberalismus einhergehen wie Skandinavien zeigt, aber es braucht Royals deren Existenzgrundlage die Zustimmung der Bevölkerung ist. Klar, die Schweiz ware lange Zeit wirtschaftlich erfolgreich. Aber nach dem Fiasko mit der OECD besteht dringender Handlungsbedarf. Der Beweis wäre erbracht: Ohne (konstitutionelle) Monarchie geht es nicht weiter. Diese messerscharf-logische Herleitung hat also den Bedarf für einen König bzw. Königin unwiderlegbar bewiesen.

27.04.09

Adblock-Plus

Im Web ist fast alles Gratis, fast Gratis. Denn wenn man nicht direkt bezahlt, dann halt indirekt. Werbung heisst das Zauberwort. Eigentlich absurd, ich zahle über Produkte Geld an Firmen, damit sie Budgets haben um meine Website mit nervigen Bannern zu verunstalten. Somit ist es also reine Notwehr wenn ich in meinem Firefox die Adblock-Plus Erweiterung zur digitalen Hygiene nutze. Das funktioniert unglaublich gut, die Abschuss-Regeln kommen per Abo von Geeks, die wahre Zauberkisten aus Code gebastelt haben. Statt bezaubernden Assistentinnen, Tiger oder Elefanten verschwinden Werbebanner in der Versenkung.

Streng logisch sind Werbeblocker nicht gerade nachhaltig. Vielleicht aus ökologischer Sicht weil weniger Müll gleich weniger Umweltbelastung. Vielleicht auch noch aus sozialen Gründen, denn wenn ich mich weniger über Werbung aufrege, bringe ich weniger Leute um. Aber bei wirtschaftlicher Nachhaltigkeit ist der Ofen aus. Ob der verringerte Müll über CO2-Einsparungen bzw. über den Verkauf von entsprechenden Zertifikaten finanziert werden könnte ist fragwürdig, auch wenn gerade Autoverschrottungs-Prämien über Umweltschutzargumente verkauft werden.

Aber Nachhaltigkeit sollte ja schon mit einem Minimum an Logik einhergehen, sonst ist die ganze Übung sinnlos. Noch ist die Geschichte des Web nicht fertiggeschrieben. Eine entscheidende Frage klärt sich in den nächsten Jahren: Wird es über die Anbindung an Communities gelingen, brauchbare Profile zu erstellen um kundenspezifische Werbung zu schalten? Damit ist für mich eine ganz schön fiese Definition verbunden. Für mich ist es erst dann kundenspezifisch, wenn es mich interessiert; dann gucke ich mir ja auch das Angebot gerne an. Die Abgrenzung ist sicher nicht einfach, ich lese ja auch ganz gerne mal SM-Kontaktanzeigen, die vielleicht den Speichelfluss anregen aber nicht die monetären Ströme. Dies wäre aber der Schlüssel zum Erfolg. Andersherum würde ich bei brauchbarer Werbung den Adblocker abschalten um ja nichts zu verpassen und der Kreislauf würde sich schliessen.

30.11.08

Finanzkrise

Aus einer Zocker-Mücke wird ein Rezessions-Elefant. Da werden schon die Geister der grossen Depression von 1929 an die Wand gemalt, die auch recht gemütlich anfing als nach dem Platzen einer Blase sich ein paar Banker vom Dach stürzten. Doch dann liess sich die gesamte Finanzbranche davon inspirieren und Wall-Street wurde in einen Grand Canyon umfunktioniert. So gross, dass darin die gesamte Volkwirtschaft reinhüpfen konnte. Da brach nicht nur die Konjunktur ein, sondern auch der Glaube an die Marktwirtschaft und die Selbstheilung des Marktes. Die Sozialisten lachten sich ins rote Fäustchen und die Nazis boten ein Doppelpack um gleich auch die Probleme der Weimarer Republik an der Wurzel zu packen. Wie bei einem Mc Donalds Happy Meal gabs dann als Zugabe eine nette kleine Überraschung. In den USA ging Roosevelt die Sache ruhiger an. Neben einer Bankenreform und massiven Staatsaufträgen zur Konjunkturbelebung wurden durch Radioansprachen in den "Fireside Chats" die Veränderungen mit ruhiger Stimme erklärt. Also nichts anderes als vertrauensbildende Massnahmen die Ruhe in den gackernden Hühnerstall brachten. Spannend das Gerücht, das der neue Präsident eine Neuauflage auf YouTube plant.

Staatsinterventionen waren lange Zeit normal und Geld für Grossbetriebe in Krisen so sicher wie das Amen in der Kirche. Einfach schöner, weil die Kirche ausser ein paar Obladen nix lockermacht. In den 80ern kam Don Johnson in Miami Vice ans Steuer der Rennjachten und auch die Jünger von Adam Smith und F.A. Hayek begannen das Ruder herumzureissen. Mit dem Kollaps des Ostblocks konnten sie klar Schiff machen und die Meere der Meinungen beherrschen. Interessanterweise behielten gerade die Investmentbanker, also die Speerspitze des freien Marktes, die alten Zeiten in guter Erinnerung. Sie machten die wildesten Akrobatiknummern ohne mit der Wimper zu zucken. Denn es gab ja Risk-Management in Form von Bungee-Seilen. Die Seile sind flexibel und extrem belastbar, da sie aus den Nerven von Steuerzahlern geflochten werden, die bekanntlich sehr dehnbar sind. Vielleicht geben sie ein paar nervöse Zuckungen von sich, aber es besteht kein Risiko eines Nervenzusammenbruchs. Das tönt nach etwas, das man auch woanders kennt: Die Banker wirken wie pubertierende Gören die sich Kraft der totalen Checkung jegliche Interventionen verbitten, aber nach der Orgie erwarten, dass die Eltern das Haus renovieren oder sie aus dem Knast rausholen.

Eigentlich war schon lange klar, dass die Libertarians eine witzige Theorie vertreten, die ziemlich realitätsfern ist. Genauso wie der Marxismus ein Hirn-Gespinst ist, das in Europa rumgegangen ist bis es über die Kette bzw. die Kugel am Bein gestolpert ist. Diese Kugel war der absolute Machtanspruch ohne Limitierung durch die Idee von "Checks and Balances". Die Aufklärung und das Staatssystem der USA hatten diese Themen bereits Jahrzehnte vorher abgehakt, aber der Kalle konnte ja nicht hören, und so stürmten die Ossis genau 200 Jahre später nicht die Bastille aber den Balast där Räbublik. Nicht falsch verstehen. Ich mag Sächsisch weil es so seltsam wie Schweizerdeutsch ist. Zurück zur Weltgeschichte: Ausser der Jahreszahl gab es bei beiden Ereignissen viele Ähnlichkeiten, insbesondere die völlig albernen Frisuren der beteiligten Subjekte. Alles in allem verschwand das marxistische Gedankengut ohne das ein Hahn danach krähte. Gysi gilt nicht, die PDS hat sich kaum die Mühe gemacht das ideologische Konstrukt mal generalüberholen zu lassen. Dabei würde das noch nicht mal was kosten, denn es gibt zig Sendungen wo man alles mögliche Pimpen lassen kann. Man muss nur fragen. Interessanterweise tun die Chicago Boys allen voran die Mont-Pelerin-Society nun dasselbe. Wer den Kopf in den Sand steckt hört keine Kritik. Das Mission-Statement liest sich als ob es nie eine Finanzkrise gegeben hätte - betretenes Schweigen scheint im Moment die Antwort auf alle Fragen zu sein.

Ironischerweise habe ich erst jetzt die Libertatians wirklich verstanden. Nur wenn garantiert keine Kavallerie zur Rettung heraneilt übernehmen Leute bzw. Firmen Eigenverantwortung und erreichen dadurch Freiheit. Soweit die Theorie. Das bezieht sich bei "echten" bzw. anständigen Libertrarians wie Milton Friedmann übrigens nicht auf Leute die das nicht können, die erhalten Unterstützung im Rahmen eines Bürgergeldes (Mindesteinkommens). Erst danach kommt Signor Rossi und hilft bei der Suche nach dem Glück. Quatsch, jeder ist seines eigenen Glückes Rossi.

Ob Firmen oder Banken sowas brauchen klingt nach einem schlechten Scherz. Eigentlich wäre es ja keine grosse Sache die Cash-Community zur Eigenverantwortung zu zwingen. Eine Selbstregulierung mit einem gemeinsamen Rettungsfonds für Notfälle ist nichts Neues. Zahlreiche Reisebüros schlossen in den 80ern einen solchen Pakt um Kunden Sicherheit zu geben, und sich vor dubiosen Anbietern abzugrenzen. Dass Banken eine starke gemeinsame Lobby pflegen erscheint logisch, aber dass sie sich gegenseitig auf die Finger schauen, weil sie im selben Haftungs-Hausboot sitzen, tönt nach tibetanischer Esoterik. Vor allem nach unnötigem Stress, denn im Austausch für ein paar Gefälligkeiten fliessen ja die Manna-Milliarden.

Und weit und breit keiner von den vormals so lauten Libertarians. Ok, sind ja auch nur Menschen und offenbar mussten die gerade mal austreten. Die Hippies haben gefragt "Sag mir wo die Blumen sind...", nun braucht es ein Update: "Sag mir wo die Märkte sind..." Was mich am allermeisten stört ist das schlechte Timing. Wieso ist die Blase ausgerechnet jetzt geplatzt?. Klar, es gibt nie den richtigen Zeit und Ort für eine Katastrophe. Aber aus historischer Sicht wäre es einfacher, wenn der Turbo-Kapitalismus tupf-genau 20 Jahre nach dem Mauerfall den Gulli runtergespült worden wäre. So wie der 30 Jährige Krieg eben 30 Jahre gedauert hat. Sowas kann man sich viel einfacher merken. Schade, dass niemand mehr langfristig denkt.

2.10.08

Piemont

Es gibt ein paar Weltgegenden die unbedingt besucht werden müssen. Nun habe ich meine Hadsch ins Piemont gemacht. Aber nicht wegen Hasch, da würde man wohl besser nach Jamaica fahren. Das Piememont ist ein Must für Anhänger des Traubensaftes, aber nicht ein Must für Most, sondern für dessen gegorenes Derivat. Barolo und Barbaresco sind die wohlklingenden Namen, dazu kommen diverse weitere Gebiete. Die Italiener nehmen es sehr genau mit dem Branding bzw. den Ursprungsbestimmungen. Die kleinste Stufe ist DO, Denominazione di Origine. Sozusagen die Anfängerstufe für Weine und andere Lebensmittel die so irgendwie von dort kommen - mehr oder weniger. Das stört Puristen, deshalb gibt es noch ein Siegel für kontrollierten Anbau: DOC. Übrigens nicht verwandt oder verschwägert mit dem gleichnamigen Word-Format von Piccolo-Dolce aus Mondorosso. Um Verwechslungen zu vermeiden sind Herkunftsbezeichnungen ja schliesslich da. Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser, aber auch da lässt sich locker noch etwas draufsatteln. Deshalb gibt es DOCG, also DO Controllato e Garantita. Hat zwar einen gesetzlichen Hintergrund, tönt aber schon etwas nach doppio moppio. Unweigerlich stellt sich die Frage, ob das denn schon alles war. Wenn es nach mir ginge, würde ich noch die Stufe DOCGEE einführen: Denominazionte di Origine Controllata e Garantita, Echt Ey. Da sind die Franzosen erstaunlich klar und pragmatisch, es gibt AOC - et voilà.

Aus dem Blickwinkel des Geschmacks und der Value added services sind mir die Italiener trotzdem lieber. Nicht nur die Weine, sondern auch die piemontesische Küche ist ein Knüller. Selten hatte ich so guten Salami. Auch wurde mein Vorurteil korrigiert, dass Risotto immer irgendwie gleich schmeckt und so langweilig ist, wie einer jener full coverage reports von CNN wenn in China ein Sack Reis umgefallen ist. Gut, der Vergleich hinkt, er diente eher der metaphorischen Nähe, denn CNN berichtet nicht aus China ausser bei Olympia und einem Atomkrieg mit Taiwan. Korrekterweise müsste ich sagen .. so langweilig wie ein Bericht über eine Rede von Barack Obama vor Italienern in Idaho, aber dann wäre der Link zum Risotto im Eimer bzw. al Tonno um die Italienità notfallmässig wieder zurückzuholen.

Eine kulinarische Spezialität des Piemont sind Trüffel. Die werden übrigens von Hunden gesucht und nicht von den legendären Trüffelschweinen. Vermutlich weil die Italiener Schweine im Aggregatszustand "Salami" bevorzugen oder die Trüffelschweine im Auslandseinsatz an der Wall-Street sind, um rentable Bankenaktien zu suchen. Was vermutlich nicht funktioniert, denn der strenge Geruch unter Wall-Street kommt nicht von Delikatessen, sondern von den CDO-Leichen im Keller. Und die sind wertlos, ganz im Gegensatz zu Trüffeln welche pro Gramm mehr Kosten als Gold. Der Trick bei Trüffeln scheint die homöopatische Dosierung zu sein. Geringste Mengen geben Würze, aber wer wegen des Preises den Krösuns raushängen lassen will und zuviel draufgibt, produziert schnell ein Essen das nach unbelüftetem Treppenhaus müffelt.

Auf der ganzen Reise genoss ich mehrere Mahlzeiten mit fünf und sogar mehr Gängen. Lukullisch ist da nur der Vorname. Da die Nouvelle Cuisine - wie die Worte schon ahnen lassen - eher woanders zuhause ist, wäre für das Piement der Begriff üppig zutreffend. Natürlich selber schuld, denn jeder Gang ist fantastisch und schreit geradezu nach Totalverzehr. Damit niemand zu kurz kommt, gibts noch Nachschlag und dieser Versuchung mit eisernem Willen zu widerstehen ist ein ziemlich theoretisches Konstrukt. Danach fühlte ich mich ziemlich voll und schlaff. Noch ein Pfefferminzplätzchen und ich wäre explodiert - Jede Wette, dass Monty Python auch schon mal im Piemont war.

Eientlich ist alles nur eine Frage des Übung. Nach wenigen Stunden kamen mir Gedanken, dass ich ja auch wieder mal was essen könnte, zumal Besichtigungen von Weinkellern schon ziemlich kräftezehrend sind. Da werden dann all die Kalorien null komma nichts wieder abgebaut, gell? Meine Hoffnung stirbt nicht einmal zuletzt, die ist eine Art unsterblicher Highlander. Anders ginge es ja nicht, da hätte ich immer ein mulmiges Gefühl wegen all der fiesen Kalorien die mir an jeder Tellerecke auflauern. Genau deshalb haben die meisten Teller auch keine Ecken. Zum Glück ist mein Italienisch ungenügend und daher konnte ich nie eine Waage benzutzen, da ich ja die Bedienungsanleitung sowieso nicht verstanden hätte. So blieb es bei gefühlten Kilos; und Gefühle können bekanntlich sehr trügerisch sein und irrationale Angszustände auslösen. Ich finde Seele sollen Angst aufessen, nicht umgekehrt. Ggf. auch Pasta wenn keine Angst da.

Ein Genussmittel, das keine Kalorien enthält ist Kaffee. Beim Genuss eines Espresso könnte man meinen, das römische Reich sei mit dem osmanischen Reich identisch und die Römer hätten den Kaffeegenuss erfunden und die Bohnen von Arabien aus in der Welt verbreitet. Streng genommen war das ja alles einst eine Suppe, Mare Nostrum genannt. Nur das mit dem Kaffee in Italien kam erst später. Wann und Wie weiss ich nicht. In Österreich ist das klarer. Da hat der Türsteher des Kaffeehauses Sacher ein paar Türken auf Betriebsausflug den Zutritt verweigert. Die fühlten sich unverstanden und sind nach Hause gefahren. Den Kaffee haben sie zurückgelassen. Dann hatten die Habsburger die Erleuchtung, dass Sachertorte alleine auf Dauer zu entönig ist. Seither gehört zu einem netten Kränzchen Kaffee und Kuchen. Aber wie war das in Italien? Im Zweifelsfall würde ich einfach mal behaupten, dass Marco Polo den Kaffee zusammen mit den Spaghetti nach Italien gebracht hat. So wie Starbucks richtigen Kaffee in den USA eingeführt hat. Im Piemont wurde das, was wir mit dem Schimpfwort "Filterkaffee" bezeichnen, als "cafe americano" betitelt. Hart aber gerecht. Die G.I.'s mögen vielleicht Ahnung haben vom Faschistenbesiegen, aber kulinarisch brachten sie eher Unheil über Europa - Collateral Damage sozusagen.

Sogar in der grössten Hektik wird Stil grossgeschrieben. An einer Autobahngaststätte habe ich mich über den Entstehungsprozess eines Kaffees fast mehr gefreut als über das Endprodukt. Mit einer Hand nahm der Barolista den Kolben, hielt ihn unter eine Mühle die losratterte und Pulver einfüllte, stopfte an einer Art Rüssel das Pulver und dann ab unter die Maschine. Hand frei, Knopf drücken, mà! Gehts noch schneller? Als Land ist Italien völlig desorganisiert, fast schon peinlich, aber die Effizienz von Gastronomen ist unübertroffen. Vermutlich weil es meist Familien sind, oder zumindest Teams aus erfahrenen Leuten, die perfekt aufeinander eingespielt sind. Es ist schön Leute zu beobachten, die alles im Griff haben.

Das Piemont ist ein Genuss für alle Sinne. Die hügelige Landschaft mit den pittoresken Dörfern und Burgen auf den Hügeln leisten einen wichtigen Beitrag zum Wohlfühlfaktor. Die durchgestylten Leute (Auch Männer!) runden den optischen Eindruck ab. Einzig das Gehör kam etwas zu kurz. Selber singen ist schön, nur fehlen dann immer noch die Kindheitserinnerungen, als in jeder Bar Adriano Celentano lief. Es könnte auch Zucchero sein. Aber der hat zuviele Kalorien und darum lassen wir den Nachtisch heute mal weg.

23.07.08

Kinderarbeit

Peinlich, dass Banken Fussbälle verschenken, die von pakistanischen Kindern gefertigt wurden. Deshalb spiele ich selber nicht mehr Fussball. Gut, ich war schon vorher auf der Linie von Churchill: No sports. Und der war immerhin ein grosser Staatsmann. Aber nun musste ich entsetzt feststellen, dass auch im Reisanbau Kinder beschäftigt werden. Und weil die Leute von TransFair darauf achten, dass die einheimischen Kinder zur Schule gehen, werden Gastarbeiter-Kinder aus Industrieländern zur Fronarbeit gezwungen. Der Beweis:

Mandarin Chiang Mai TH 04.jpg

Des Rätsels Lösung: Das Bild stammt vom Mandarin-Oriental Resort in Chiang Mai. Weil das mit dem Palmenstrand im Hochland von Thailand so eine Sache ist, und weil der Ausblick auf eine Textilfabrik nicht besonders romantisch wäre, wird vor den Luxusvillen nach traditionellen Methoden Reis angebaut. Nach der Ayourveda-Massage kann man mit dem Schirmchendrink zuschauen wie Wasserbüffel ihre Runden drehen. Und statt von behämmerter Club-Animation geistig sediert zu werden, können Kinder (und Erwachsene ebenso) alte Handwerkstechniken ausprobieren. Und das in einem Fünf-Sterne Resort. Das Konzept reicht noch viel weiter. Die Anlage wurde von Handwerkern erbaut, die auch Lehrlinge ausbilden. Durch die Modernisierung werden alte Techniken zunehmend durch preiswertere industrielle Massenfertigung aus Baumärkten abgelöst. Kein Wunder, Obi tönt ja irgendwie nach asiatischem Nudelgericht.

Das Resort bietet Luxus auf einem neuen Niveau. Für die Gäste einen Ausflug in die (baldige) Vergangenheit und mit den Einnahmen werden alte Traditionen am Leben erhalten, die sonst sang- und klanglos in die Klongs gespült würden. Ein schöner Kontrast zur vulgären Protzerei in den Emiraten. Bei genauem Hinsehen sind Hotels wie das Burj al Arab nichts anderes als Premium-Plattenbauten. Ein Foyer mit den Dimensionen einer Turnhalle mag zwar auf den ersten Blick grosszügig wirken, strahlt aber keinerlei Emotionen aus. Nicht dass es nicht möglich wäre, grosse Räume erlebnisreich zu gestalten - barocke Kirchen sind der beste Beweis. Nur braucht es viel Aufmerksamkeit im Detail.

Genau die wird zu oft der plumpen Effekthascherei geopfert. So werden dann in Arabien gerne die Decken dieser Turnhallen mit kiloweise Gold überzogen. Dadurch wird billiges Design durch teure Hardware übertüncht. Anstatt über die Inszenierungstricks für orientalische Stimmungen zu schwärmen, werden die Pressereferenten nicht müde zu erzählen, wieviel Geld alles gekostet hat. Sehr stilvoll wenn unmengen teurer Marmor eingeflogen wurde. Bis auf das Detail, dass sich keiner Gedanken gemacht hat was damit erreicht werden soll. Halt sauteuer, habe ich das schon gesagt? Als überzuckertes Sahnehäubchen erhalten die Gäste eine Fernbedienung für ein hochkomplexes Facility-Management System. Um das Licht auszuschalten braucht man ein Informatikstudium und wenn man den falschen Knopf drückt, wird statt RTL 2 die Klospülung aktiviert. Kein Wunder, bei überladenen Systemen sind verwandte Funktionen nur schwer zu unterscheiden und stiften deshalb so viel Verwirrung.

Das Mandarin in Chiang Mai zeigt nicht nur die hohe Schule des Theming-Designs. Uraltes Kunsthandwerk wird mit aktuellem Komfort verknüpft. Als i-Tüpfelchen wird mit den Einnahmen der betuchten Kundschaft ein Freiluftmuseum betrieben. In Schwellenländern fehlen dafür Mittel, beziehungsweise hat die wohlhabende Oberschicht diese Form des Kultur-Sponsorings hat noch nicht oben auf der Agenda. In den USA haben die Rockefellers mit Spenden die Kolonialstadt Williamsburg restauriert. In der Schweiz wird das Museum Ballenberg mit Steuermitteln betrieben, das Seminarzentrum liegt ausserhalb. Bauwerke die sich selber finanzieren und in denen man auch noch wohnen kann, kannte ich bisher nur von Palästen aber nicht von Hütten. Brecht meinte einst, die einen sollen Krieg und die anderen Frieden bekommen. Nun wird dieser Konflikt mit einem einheitlichen Geschäftsmodell gelöst. Da sind die Asiaten Weltmeister mit ihrem Yin-Yang-Ding.