Indische Firmen haben ein paar typische Eigenheiten. Zuerst mal das Bauliche. Grosse Firmen sind nicht speziell, die hausen in einem Business Park aus Stahl-Glas-Alu und mit globalen Gummibäumen. Kleinere Firmen backen kleinere Nans und vermittelten mehr das Gefühl in Indien zu sein. Es gab einen starken Kontrast zwischen dem öffentlichen und dem privaten Raum. Im öffentlichen Bereich waren die Strassen voller Schlaglöcher und in Mumbai zudem ziemlich dreckig. Dann gelangte man auf einen blitzblank geputzten Hof mit einem netten Gebäude, dem aber ein Eimer Farbe gut zu Gesicht gestanden hätte. Dann endgültiges Verlassen des indischen Sektors und eh man Pappadam sagen konnte, war man in einem gepflegten, schön gestalteten Büro. Oder etwas philosophischer. Je höher man steigt, desto heller strahlt die Sonne. Aber man muss aufpassen, beim Ikarus ist das ganz schön in die Hose gegangen. Deshalb machen viele Unternehmer Haus- bzw. Hotelbesuche. Das ist entgegenkommend, aber nicht so erhellend, denn man erhält man viel zu wenig Einblick in die Geschäftskultur.
Es gab ein paar heikle Punkte. Neben den grundsätzlichen Tabus in Geschäftsgesprächen wie Religion, Sex, Wertvorstellungen und nicht funktionierende Kugelschreiber, gab es lokale Spezialitäten wie die mangelnde Infrastruktur, das Heckmeck im Kaschmir und die Korruption der Regierung. Dafür sind die Taxifahrer zuständig, die auf den endlosen Fahrten bzw. im Stau zu einer Art von Familienmitglied werden. Bei den Firmen gab es spezielle Aspekte die unvermeidbar waren. Ein überraschendes Thema war bzw. ist Fluktuation. Eine Rate von 30% ist durchaus nicht aussergewöhnlich. Ausser natürlich in der Firma, die man gerade besuchte. Die erzählten lieber in epischer Breite was sie tun um die Leute zu halten.
Das Kommen und Gehen vor einem Bienenstock ist nichts gegen indische IT-Firmen. Wobei die Bienen eigentlich ja nur hinausfliegen um Nektar zu sammeln und dann zurückkommen. Um beim Vergleich zu bleiben muss das etwas präziser gesagt werden. Man stelle sich Bienen vor, die unterwegs mit anderen Bienen einen Deal abschliessen um den Nektar daraufhin in einen anderen Stock zu bringen. Oder Nektar aus dem Stock zu den Blumen bringen weil die Blumen mit dem Imker einen eigenen Deal gemacht haben. Inder sind auch weniger Autoritätsgläubig. Jede Biene kann Königin werden, wenn sie zwei andere Bienen trifft, die auch einen neuen Stock aufmachen wollen. Wobei aber die dritte Biene bei der Eröffnung nicht mehr mit dabei ist, weil sie ein gutes Angebot von einer anderen Königin erhalten hat. Die Abenteuer der Biene Maya wären in der indischen Fassung ziemlich langweilig, weil sie in den nectar-news stundenlang Informationen über andere vielversprechende Bienenstöcke sammelt und die Stellenanzeigen studiert. Und ihr Freund Willy hätte nach der zweiten Folge sowieso schon zum SAP-Stock gewechselt.
Die Salesreps in den Firmen haben die westlichen Gebräuche sehr intensiv studiert. Ich traf kaum auf den schon erwähnten Teppichhändler-Typus, wo alles nach dem Schema abläuft “WirhattennochnieirgendeinProblem”. Natürlich hatte ich auch eine Begegnung mit einem Verkäufer, der mit mobile services aufschwatzen wollte und zudem meinte, man könne sich an die Banken ranmachen. Eine gute Idee, die UBS ist ja berühmt dafür, insbesondere die mission-critical Systeme bei Startups einzukaufen. Aber das war echt eine Ausnahme. Es war ein sehr westliches Gefühl wenn man verhandelt hat. Die Leute in exportorientierten Firmen sind allgmein sehr gebildet und wissen viel über die Welt, also über die Schweiz. So fällt es ihnen nicht sehr schwer, sich in andere Kulturen hineinzuversetzen.
Die Leute scheinen so fit zu sein, dass sie sogar Gedanken lesen können. Ohne dass ich was gesagt hätte, hat einer von Tim&Struppi geschwärmt, meinem absoluten Lieblingscomic. Ich war total baff. Naja, so gut war er auch wieder nicht, als er seinen Lieblingsband genannt hat, war der Ofen aus und die Unterhaltung beendet. “Tim in Tibet”. Oje, soweit kommts ja noch. Ich meine, wer das mag, hat echt einen an der Waffel. Als ich “Ottkars Zepter” aufgeführt habe, hat er ganz anglosächsisch-ausweichend-höflich “how fascinating” gesagt, und ich wusste, er verachtet mich aus tiefstem Herzen. So dramatisch wars nicht, denn er fand auch, dass es Bände gibt, die besser nicht beurteilt werden sollten, um das Andenken Hergés zu erhalten. Zudem gibt es viele Leute die Tim in Tibet mögen – vermutlich sind es dieselben Ferkel die George Bush wählen. Das war Gemein. Schluss jetzt. Auf jeden Fall glaube ich mittlerweile, dass in Indien Gedankenlesen praktiziert wird, ohne dass wir was mitkriegen. Vielleicht könnten die Leute sogar einen wissenschaftlichen Beweis dafür erbringen. Aber was ist schon die Prämie eines Nobelpreises verglichen mit der Knete die man im Offshoring-business verdienen kann.
In der Software-Entwicklung sind die Leute auf einem sehr hohen Niveau. Ich hatte schon lange keinen mehr getroffen, der sich für Fuzzy-Logic und neuronale Netze interessiert. Vielleicht ein Zufall. Wenn da nicht der süsse Tee gewesen wäre, hätte ich nicht gewusst, wo ich war. Ein paar Röhrenmonitore in den Büros zeigten auch wo ich war. In Indien wird nicht unnötig Elektroschrott produziert. Was nicht verwundert. Für elektronische Geräte gelten Weltmarktpreise, daher ist Hardware extrem kostbar. Natürlich sind die jungen Leute anders und gehören zur Wegwerfgeneration. Die Lebenszyklen der Elektronik sollen sich in den letzten Jahren drastisch verkürzt haben. Mein Handy Baujahr 2001 hat einiges Staunen ausgelöst. Und Kopfschütteln. Wobei das, wie schon beschrieben, einen anderen Hintergrund hat. Glaube ich zumindest.