Vor einiger Zeit war ich in Indien. Die Impressionen habe ich in Mails festgehalten. Nun werden sie verbloggt.
Meine Reise nach Mumbai verlief bereits auf dem Flug dramatisch. Beim schauen eines Bollywood-Schinkens musste ich so sehr heulen, dass alle die Schwimmwesten anziehen mussten. Dann war mein Koffer nicht da, weil er in Zürich vergessen wurde. Aber das stresst mich ja gar nicht, denn die Schweizer sind ja bekannt für Anarchie. Der Koffer kam um 3.45am und ich musste in die Lobby um zu unterschreiben. Meine Bewunderung und Zuneigung für SchissAirlines hat einen nie geahnten Höhepunkt erreicht.
Nun bin ich langsam familiar mit den Sitten und schreibe meine Reportage aus einem echt indischen Cybercafe (20 PC auf 2,5 mal 5 m). Das fällt wirklich auf, hier wird nix verschwendet - auf jedem Quadratmillimeter wohnt jemand und der urälteste Kühlschrank wird in einer kleinen Klitsche am Strassenrand repariert und geht dann wieder in Betrieb.
Für mich ist die Architektur ein Paradies. Sehr viele Gebaude stammen aus den 30ern. "Streamline Deco" ist Art Deco mit Elementen der Moderne gemischt. Kernzeichen sind die runden Hausecken, die ja keine Ecken mehr sind, sondern Hausrunden, aber dieses Wort ist bereits durch die Gastronomie belegt. Es ist so wie in Miami Beach am Ocean Drive wo Miami Vice gedreht wurde. In Mumbai heisst die entsprechende Strasse "Necklace Road", da die Lichter nachts wie eine Halskette glitzern. Die Hauser sind eher etwas in die Jahre gekommen, aber wahre Schönheit kann altern, verliert aber nie den Stil und die Sophisticatedness.
Die Verkehrssitten sind eine Steigerung von italienisch. Man fährt dort wo gerade Platz ist, d.h. drei Fahrzeuge und ein Motorrad passen locker auf eine zweispurige Strasse, wobei zu beachten ist, dass bei gegebener Notwendigkeit drei Fahrzeuge in eine Richtung fahren und so ein dynamisch-adaptives System von temporären Einbahnstrassen bilden. Wichtig ist nur eins: immer mal wieder hupen. Da viele LKW keinen Spiegel haben bzw. die Fahrer wegen Űberbeladung ohnehin nichts sehen, steht hinten "Horn OK Please". Also beim Űberholen hupen. Natürlich darf man auch hupen um Shiva oder Ganjeesh zu ehren oder um zu sehen ob die Hupe nach sekundenlangem Nichtgebrauch überhaupt noch funktionstaulich ist.
Die meisten Taxis sind von Ambassador, einem Lizenzbau eines britischen Modells aus den 60ern. Viel Chrom und sehr elegante Schalter, aber wie man weiss, kamen Gadgets wie Sicherheitsgurte oder ein zweiter Scheibenwischer erst später. Der Gedanke, dass Handys am Steuer gefährlich sind, tönt nach seltsamen westlichen Sitten. Da alle recht langsam fahren, passiert kaum was - ausser Blechschäden. Ich denke, die wurden in Mumbai erfunden. Zumindest sind sie an Autos geradezu hip.
Da Mumbai gigantisch gross ist, ist es nicht leicht einen Ort zu finden, es gibt kaum Strassenschilder. Das Navigationssystem funktionert denkbar einfach: Anhalten, aus dem Fenster lehnen und jemanden in einem anderen Auto fragen. Meistens wissen die dann etwas mehr und so findet man jeden Ort. Für Geschäftstermine ist es praktisch, sich eine Beschreibung Simsen zu lassen, weil die letzten paar Meter die schwierigsten sind. Als Orientierungspunkte sind Kinos sehr beliebt, weil die jeder kennt. So weisen Bollywood und Blaupunkt eine gewisse Verwandschaft auf.
