Ich hoffe, alle haben schon mal einen Bollywood-Film gesehen. Ohne Untertitel ist man aber ziemlich verloren. Filme in Hindi bzw. Telugu zu sehen ist zwar lustig, aber ich hatte schon ziemlich Mühe der Handlung zu folgen. Das prinzipielle Strickmuster ist einfach, aber wie bei Rosamunde Pilcher sind die Familienverhältnisse meistens ziemlich kompliziert. Wer da wen liebt, hasst und hintergeht, ist schwer zu durchschauen. Und dann der absolute Horror: Man zahlt Eintritt, hat aber keine Garantie für ein Happy-End. Ich bin aus allen Wolken gefallen, als Sharukh Khan fünf Minuten vor Schluss einfach abgenibbelt ist. Also bitte, sowas gehört doch verboten.
In jedem Film gibt es mindestens fünf Musikszenen. Sicher kennt ihr die Filme aus den 50er Jahren wo Peter Alexander oder Elvis aus heiterem Himmel angefangen haben draufloszusingen und alle tanzten mit, bis am Ende eine ganze Stadt Freudentänze aufgeführt hat. Bei diesen wahnsinnigen Tanzchoreographien und den Dekors schmelze ich regelmässig dahin. Die Tanz-Szenen sind meistens verbunden mit einem Orts- und Kostümwechsel. Auch während der Szene. Da zählt weniger die Logik, als vielmehr der extreme Luxus. Ich stelle mir vor, wieviele Wochen Vorbereitungszeit es braucht, wenn die Heldin zehn Outfits für eine Szene braucht und nichts anzuziehen hat. Dann heisst es wochenlang auf Shopping-Tour zu gehen. Ich möchte ja nicht mit einer Film-Diva verheiratet sein und ihre Einkaufstüten schleppen. Obwohl ich dann sicher Muskeln wie Arnold Schwarzenegger hätte.
Einige der Tanzszenen werden in der Schweiz gedreht, und später beispielsweise in ein Drama einer Mogulfamilie hineingeschnitten. Romantische Bergbäche und Almwiesen sind ein idealer Hintergrund für einen Lovesong. Ich finde das nicht gut, denn die Schweiz wird nicht ganzheitlich gezeigt. Deshalb sollten auch Szenen aus Zürich-Brunau oder vom Ciba-Werk in Basel gezeigt werden. Die nächste Top-Destination für Filme sind die Niederlanden. Welch Wunder; wenn eine Schönheit im Saree in einem Blumenfeld tanzt, schmelzen die Herzen. Um den Tourismus in der Schweiz zu halten, sollte mal jemand nach Holland fahren und die Deiche ansägen oder anknabbern.
Durch die Filmmusik sind die indischen Charts ein echtes Highlight. Es gibt nur wenig westliche Musik, bzw sie spielt kaum eine Rolle. Die Globalisierung ist ein Horror, wenn man sich vorstellt, dass die Welt mit schröcklichen Videos von Anastacia, Eminem & Co. zugemüllt wird. Der Knüller in Indien sind die Videos aus den Bollywood-Filmen.
In Mumbai gab es leider keine Touren durch die Bollywood- Studios. Eigentlich schade, denn das wäre doch eine Goldgrube, wenn man mal an die Universal-Studios in LA denkt. Dafür gab es in Hyderabad gibt eine grosse Filmstadt mir Touren. In Indien gibt es wie in Europa viele Sprachen, und in den grossen Bundesstaaten existieren jeweils eigenständige Filmindustrien. Es wird nur wenig synchronisiert. Ein Kassenschlager wird eher mit lokalen Schauspielern nachgedreht, so wie die Amis von fast jeden erfolgreichen europäschen Film ein Remake machen. Ich glaube, das liegt an den sprachlich voneinander isolierten Kulturen und am Starkult. Ein Film ohne Stars hat keine Chance und die Stars müssen zur Promotion in möglichst vielen Kinos auftreten, um dann einen Massenauflauf zu verursachen, bei dem es manchmal Tote gibt, weil alle nach vorne drängeln. Zudem müssen sie tonnenweise Interviews in der lokalen Sprache geben. In Deutschland gibts ja auch viele Filme bzw. Schauspieler, von denen ausserhalb des deutschsprachigen Raums noch nie jemand was gehört hat.
In den grossen Städten schiessen überall Multiplex-Kinos aus dem Boden. Aber anders als in Europa bieten sie nicht nur Verköstigung ab der Stange, sondern zeigen indische Indie-Filme. Sie haben auch kleinere Säle, während die alten Kinos meistens ziemlich gross sind. Was natürlich schön ist, aber für Nischenfilme ist da kein, genauer gesagt zuviel Platz.
