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Die Windelfabrik

Letzten Herbst veranstaltete die Windelfabrik im Dorf einen Tag der offenen Tür. Um Missverständnissen vorzubeugen, muss gesagt werden, dass seit dem dramatischen Geburtenrückgang nicht mehr jedes Dorf eine Windelfabrik hat. Ja also gut, es gab schon immer nur wenige Hersteller - und einer ist eben vor unserer Haustür. Eigentlich wäre mir eine Bretzelbäckerei lieber, dann könnte ich selber von den günstigen Preisen beim Fabrikverkauf profitieren. Egal, einmal bei der Herstellung von Windeln zuzuschauen ist auf jeden Fall mal etwas anderes.

Die meisten haben vom Produkt und dem Einsatzszenario bei Babys schon mal gehört. Viele wissen sogar, dass jemand anders sie schon wieder wechseln sollte, aber wer macht sich schon Gedanken, wo sie herkommen. Also die Windeln, das mit den Babys ist ja schon einigermassen bekannt. Wer ahnt schon, dass das Windelbusiness ein hart umkämpfter Markt ist. Gut, Globalisierung und so, aber wie überlebt ein Hersteller? Ich war erst einmal baff erstaunt, dass einer der grössten Kunden des Werkes der Discounter Aldi ist. Wenn russische Millionäre oder Ölscheichs die Windeln aus der Schweiz einfliegen lassen würden, wäre das keine grosse Überraschung. In eine Art Rolex reinmachen wäre stilecht. Aber Aldi, bei denen Geiz nicht geil, sondern ein normaler Teil des drögen Alltagsgeschäfts ist? Des Rätsels Lösung ist die weitgehende Automatisierung und die daraus resultierenden enormen Produktionsmengen.

Die riesigen Hallen mit den endlos langen Fertigungsstrassen haben etwas gespenstisches. Noch myteriöser sind die seltsamen Markierungen am Boden. Der Autor von Däniken würde sicher die Theorie aufstellen, dass wie bei den Mustern von Nazca die Aliens ihre Finger im Spiel hatten. Weit gefehlt, es sind Metallbänder, an denen sich die selbstfahrenden Stapelgabler orientieren. Es ist ein komisches Gefühl, diese Geräte zu sehen; nur ab und an huscht mal ein Mensch durch die Szenerie. Eine Baustelle wirkt anders, auch wenn sie noch so gross ist. Da sind überall Arbeiter am werkeln, die Maschinen wirken nicht so, als ob sie die alleinige Kontrolle hätten. Ich vermute, dass Skynet zur Übernahme der Weltherrschaft erst einmal kleine Schritte macht, und mal mit einer Windelfabrik anfängt, da bei der Kontrolle des nuklearen Arsenals viel zu viele Leute ein Auge drauf haben.

Was wir leider nicht zu sehen bekamen, sind die Versuchslabors, wo Babys in kleinen Käfigen sitzen und den ganzen Tag mit Apfelsaft abgefüllt werden, auf dass sie eine Windel nach der anderen vollmachen. Sooo fies, ist natürlich quatsch. Die Realität ist viel humaner, aber auch entsetzlich langweilig. Da spielen tausend Faktoren eine Rolle. Von der Saugfähigkeit bis zum Schlusspreis muss alles unter einen Hut bzw. in eine Hose gebracht werden. Der Hersteller spricht von einem Hi-Tech-Produkt. Das hat mich anfänglich etwas irritiert, bis ich eines besseren belehrt wurde. Mit Hi-Tech bringt man zum Beispiel die Herstellung von Computerchips in Verbindung. Ich glaube, es wird noch ein Weilchen dauern, bis in einer Standortmarketing-Broschüre ein Bild auftaucht, bei dem ein Forscher im weissen Kittel statt eines Silicium-Wafers eine Windel seinen streng prüfenden Blicken unterzieht.

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