Indien wird von aussen oft als homogene Kultur gesehen. Vielleicht weil es ein einziges Land ist. Eine ziemlich historische Sichtweise:
1 Kultur => 1 Nation => 1 Land => 1 Herz & 1 Seele
Das täuscht in Indien gewaltig, gibt es doch 21 Amtssprachen, plus englisch, sowie unzählige weitere Sprachen bzw. Dialekte. Damit ist das Land eher mit der Europäischen Union zu vergleichen als mit zentralistischen Gebilden wie beispielsweise Frankreich. In Indien wäre es auch nur schwer möglich Gänse zu quälen, nur weil das eine schicke Leber geben soll. Die Bundesstaasten sind in etwa anhand der Sprachgrenzen gebildet worden. Vor der Unabhängigkeit war der Subkontinent in hunderte Fürstentümer zersplittert, die häufig gegeneinander Krieg führten. Auf der Plus-Seite versuchten die Herrscher sich gegenseitig mit prachtvollen Tempeln und Palästen zu übertreffen, was gut für den architektonischen Reichtum ist. Ein Herrscher hiess Raja, bei einem grossen Gebiet hiess er Maharaja. Das Präfix Maha kann also mit den heutigen Begriffen Mega oder Fett übersetzt werden.
Wie die Römer Europa erobert haben, so haben sich die Briten Indien unter den Nagel gerissen indem sie die Rajas gegeneinander ausspielten. Maha-Meckerer wurden durch schnellen und massiven Truppeneinsatz in die Knie gezwungen, obwohl die Kolonialarmee gar nicht so gross war um alle Herrscher gleichzeitig in Schach zu halten. Divide et impera. Der Trick von Cäsar ist uralt, funktioniert aber immer wieder. Die schnellen Truppenverschiebungen waren auch der Grund, weshalb sehr schnell ein riesiges Eisenbahnnetz entstand. Die Briten waren also nicht etwa Train-Spotter wie sie uns gerne glauben machen möchten. Gleichzeitig entstand durch die Briten ein Nationalgefühl, der einen gemeinsamen Staat erst möglich machte. So ist Indien als einheitlicher Wirtschaftsraum und mit einer starken Bundesregierung einen Schritt weiter als die EU. Wieso haben eigentlich die Briten nicht Europa erobert, die Deppen? Ein paar Hooligans sind ja wohl eher ein Tropfen auf den heissen Stein. Was aber in Indien noch fehlt, ist ein Fleck in der Mitte der nicht dazugehört. Sowas ist nur natürlich, denn im Mittelpunkt einer Galaxie gibt es ja auch immer ein schwarzes Loch in dem Materie oder eben Steuergelder verschwinden.
Zu den vielen Sprachen kommen verschiedene Religionen. Die grösste ist der Hinduismus, aber auch diese Religion ist nicht zentralistisch mit einem Oberhammerguru an der Spitze, sondern eher wie die amerikanischen Kirchen in unzähligen Splittergruppen organisiert. Und wie in den USA gibt es eine starke räumliche und soziale Trennung zwischen den gesellschaftlichen Gruppen. Die Existenz der Unterschicht wurde religiös zementiert. Vermutlich um es nicht nach Unfähigkeit des sozialen Systems, sondern nach göttlichem Willen aussehen zu lassen. Sie heissen in Indien Dalits, früher Paria. Da könnte Indien einen ganz fiesen Präzedenzfall für den Westen geschaffen haben.
Als ob das nicht schon kompliziert genug wäre, kommt noch eine zeitliche Komponente hinzu. Ich hatte immer das Gefühl, das in Indien mehrere Epochen gleichzeitig nebeneinander existieren. Die alte Zeit mit ihren jahrhundertealten Traditionen liegt keinen Steinwurf entfernt von der industriellen Revolution mit Verstädterung. Dort werden in grossen Industriebetrieben Tagelöhner nach klassich-kapitalistischen Methoden ausgebeutet. Das kommt ja bei uns auch wieder in Mode, aber in Indien ist das schon sehr brutal. Als weitere Epoche sieht man das Wirtschaftswunder mit einer neu entstehenden kaufkräftigen Mittelschicht. Als ob das nicht genug wäre, hat das Informationszeitalter schon längst begonnen.
So war es also nichts aussergewöhnliches wenn in Mumbai direkt neben einem Sweatshop eine Yuppiebar lag in der Latte Macchiato an Leute ausgeschenkt wurde, die an der nächsten Generation von Buchhaltungssystemen arbeiteten. Oder wenn ca. fünzig Leute ein Glasfaserkabel schleppen, das dann mit Hacke und Spaten im Boden vergraben wurde. Natürlich gibt es in Europa auch unterschiedliche Entwicklungsstufen. Das Frauenstimmrecht in Appenzell wurde ja auch erst vor kurzem eingeführt. Und das nicht etwa wegen plötzlich einsetzendem geistigem Fortschritt. Es wurde durch den Bund verordnet, weil sonst die Emmarines mit Einmarsch gedroht hätten.
Aufgrund der zum Teil absurden Phänomene, die ich in Indien gesehen habe, kann ich heute nur noch müde lächeln, wenn jemand von DER indischen Kultur spricht. Der grösste gemeinsame Nenner sind die Widersprüche an sich, und das schienen die Leute für das normalste der Welt zu halten. Es gibt Physiker, welche die These aufstellen, es könnte neben unserem Universum noch weitere Paralleluniversen geben. Gebongt, seit meinem Besuch in Indien kann ich mir das wirklich plastisch vorstellen. Ein griechischer Philosoph (Aristoteles???) soll gesagt haben: "Nenn mir einen festen Punkt im Universum und ich hebe dir die Welt aus den Angeln". Ich würde sagen: "Zeig mir einen gemeinsamen Punkt bei allen Indern und die Schweiz tritt der EU bei".
