Gestern behandelte die ARD ein uraltes Problem, das mir seit langem Rätsel aufgibt. Andere wollen wissen, was die Welt im Innersten zusammenhält, ich würde gerne herausfinden, weshalb - entgegen der Anweisungen des Handbuches - trotz des Drückens von Alt+Ctrl+G1 nicht der Dienst pudelkernel.bin startet. Die Rede ist von der Benutzerfeindlichkeit moderner Geräte. Neudeutsch auch Uhsebility genannt, also Sachen, die als extrem sexy angepriesen werden, aber im real existierenden Gebrauchsszenario völlig abtörnen. Darunter gehören natürlich die Klassiker wie Drucker und Handys, die ihre Frauchen und Herrchen in den Wahnsinn treiben. Dazu kommen neuerdings auch die Chart-Neulinge wie Navigationssysteme und die Bordelektronik von Autos.
Ich erinnere mich noch an ein antikes Viralmail, bei dem der Chef von GM auf eine Provokation von Bill Gates antwortet. Titel "Wenn Autos wie Computer wären" oder so ähnlich. Eine Aussage: Dann wäre der Lichtschalter in jedem Auto an einem anderen Ort und jedes neue Modell würde stundenlanges Studium des Handbuchs erzwingen. In unserem jugendlichen Leichtsinn haben wir herzahft gelacht und das Prophetische unterschätzt. Früher war nicht alles besser, aber es zumindest gab Autos, in die man einsteigen, den Schlüssel drehen, und dann einfach damit losfahren konnte.
Um fair zu sein: Das kann man ja eigentlich heute auch noch. Da haben also die Autohersteller ihre Hausaufgaben noch nicht ganz erledigt. Um richtige High-Tech Produkte zu werden, sollten die Fahrer gezwungen werden, vor dem Losfahren erst mal ein paar Konfigurations- Hürden nehmen, zum Beispiel den Treiber für die Zündkerzen aktualiseren o.ä. Das hat viele Vorteile.
1. Es wirkt alles viel technischer und für High-Tech Produkte kann man mehr Geld verlangen.
2. Nach langem Basteln und dem anschliessenden Erfolg werden Substanzen im Gehirn freigesetzt, die der Wirkung von Opiaten ähneln. Deshalb hängt auch kein Geek an der Nadel, sondern setzt bei Entzug einen Webserver mit einer Cluster-Datenbank auf.
3. Der Nutzen für die Umwelt. Wer nicht einfach ein Auto nutzen kann, überlegt es sich zweimal, ob es wirklich notwendig ist. Fazit: Reduktion von Energieverbrauch und CO2-Ausstoss. Womit bewiesen wäre, dass High-Tech die Welt retten kann.
Die Hauptthese im ARD-Beitrag war die mangelnde Bereitschaft der Hersteller, Geld für Benutzertests auszugeben. Stimmt, aber ich denke das greift zu kurz. Geht nämlich billiger: Wenn man jedem Entwickler und Designer androhen würde, dass er sein Produkt seiner Oma erklären müsste, bzw. sie ihn jederzeit mit Fragen bombardieren dürfte, würde sich schon einiges ändern.
Microsoft prahlt derzeit gross rum, man hätte den Leuten zugehört. So so, die Leute wollen offenbar 3D-Desktops, Ribbons und pipapo. Komisch, die Leute, die ich kenne, wollen ganz banale Sachen machen, wie z.B. Mailen, Dokumente schreiben und dann Ausdrucken. Meine böse These: Das konnte man (fast alles) schon mit Windows NT4 bzw. W95. Wenn Vista z.B. Drucken könnte ohne Leute in den Selbstmord zu treiben, würde es mich ganz doll freuen. Ja echt, denn ich habe gelernt, mich über Kleinigkeiten zu freuen. Da gabs ein paar, zugegeben. Ich habe mittlerweile ein hochentwickeltes Sensorium und fühle bereits Verbesserungen im Nanobereich. Und ich kann ein nutzerfreundliches Interface sogar aus dem All erkennen.
Die Quintessenz: Wenn wir uns immer nur als Deppen fühlen und uns nicht wehren, wird sich nichts bessern. Das Wissen ist eigentlich längst vorhanden, zum Teil seit Jahren bekannt und allgemein zugänglich. Meine Lieblingsquelle: Das Institut für Usability übersetzt die guten Texte von Jakob Nielsen und verschickt sie als Newsletter. Da sie (noch) keine RSS-Feeds anbieten, ist dies der letzte Newsletter, den ich nicht abblocke, sondern gerne lese.
Es gibt sogar einen Eintrag zu Blogs. Deshalb kehre ich mit Asche auf meinem Haupt gerade vor meiner eigenen Domaintür. Als Zauberlehrling habe ich mir natürlich Tools zugelegt, die dies alles vereinfachen. Ich muss dazu aber noch die Bedienung des Zauberbesens in den Griff kriegen. Hat was mit config.ini zu tun, glaube ich, bin aber noch nicht ganz sicher. In der Zwischenzeit überflute ich das Web und drücke allerlei Knöpfchen die mir eventuell vielleicht Linderung verschaffen könnten. So schliesst sich der Kreis und ich bin Teil der technischen Community und kein einsamer Aussenseiter.
