Internetrecherchen
In der heutigen NZZ am Sonntag (nicht frei online) befindet sich auf Seite fünf ein Artikel über die Luftwaffe der Tamil Tigers (LTTE). Die Sunday Times Sri Lanka soll ein Gerücht in Umlauf gebracht haben, wonach die LTTE Flugzeuge vom Typ PC7 oder PC9 besässen. Das Gerücht soll bald darauf widerlegt worden sein. Aber da Webserver ein besseres Gedächtnis als Elefanten haben, bleibt das Gerücht online. Wäre eigentlich nichts dramatisches, wenn das Gerücht nicht weiterhin verbreitet würde, weil die entsprechenden Meldungen nicht geprüft werden. Das ist wie bei einem Elefanten: Der hinterfragt ja auch nicht, ob sein Mahud vor zig Jahren wirklich soo fies zu ihm war. Er weiss einfach, dass er ihm eines Tages eine reinsemmeln wird.
Der Autor kann sich den Seitenhieb nicht verkneifen, dass Internetrecherchen eben ihre Tücken haben. Stimmt eigentlich, Qualitätsmedien prüfen den Wahrheitsgehalt einer Meldung. In der Wissenschaft heisst das Falsifizierung. Es wird gezielt nach möglichen Informationen gesucht, die eine Theorie widerlegen und dann abgewogen, ob diese Antithesen glaubwürdiger sind als die vorliegende These.
Soweit die Theorie. In der redaktionellen Alltagspraxis scheint das offenbar etwas anders auszusehen. Und eben nicht nur bei boulevardesken Medien wie Blick & Co. Im obgenannten Artikel wird der Vogel abgeschossen - um mal bei der Aviatik zu bleiben. Es wird behauptet, dass die LTTE eine Fussnote zur Weltgeschichte geschrieben hätten, weil sie als erste Guerilla eine kleine Luftwaffe aufgebaut hätten. Taja, das kann man durchaus auch leicht anders sehen. Die Weltgeschichte ist schon ein verteufelt langer Zeitraum. Und sieh an, das Time Magazine berichtete 1969 von der Biafran Air Force, die mit umgebauten Anfängerschulflugzeugen während des gescheiterten Unabhängigkeitskampfes Flughäfen der Nigerianischen Luftwaffe angegriffen hat. Also: Wer hat's erfunden? Nein nicht die Schweizer und nicht die Tamilen, sondern die guten alten Schweden ;-)
Aber hier schon eine kleine Einschränkung. Ich nehm das mit den Schweden zurück, das war nur dramaturgisch theatralische Ironie. Es gab ziemlich sicher schon andere Vorläufer. Ich will da lieber nichts behaupten, bin ja schliesslich nicht die NZZ. Ich nutze gerne sogenannte "Internetrecherchen" (gratis) und einfach etwas Fachwissen (unbezahlbar) bevor ich wildes Zeugs erzähle. Dann lese ich Artikel wie den von ToTheCenter etwas genauer und finde in einem guten Text ein paar unlogische Passagen. Das ist nicht schlimm, aber ich übernehme es nicht ungeprüft.
Am wichtigsten ist aber der Trick 17. Wilde Theorien, Spekulationen und Voodoo-Beschwörungen werden kenntlich gemacht. Auch wenn das bei ironischen Aussagen nicht immer ganz so einfach ist. Bei Tatsachenbehauptungen gehören Quellen hin, sofern sie nicht enzyklopedantisches Allgemeingut sind. Haben wir an der Uni gelernt, aber natürlich drauf gepfiffen. Online-Medien erfordern Links und sind deshalb in Bezug auf Quellenangaben ultrabrutal. Schlimmer als Killerspiele. Ein Klick genügt, und die Leser können eine Quelle selber begutachten. Wo sind bloss die guten alten Zeiten geblieben, als man Quellenangaben wild durcheinanderwürfeln konnte und Verweise auf Seitenzahlen per Zufallstreffer aus dem Telefonbuch "ermittelt" hat?
Bis zu einem gewissen Grad habe ich also Verständnis für Schlamperei. Aber wer zum Thema Recherche Schläge austeilt, muss auch einstecken können. Der Fairness halber muss klar gesagt werden, dass ich die NZZ um Längen besser finde als viele andere Zeitungen/Medien. Im Aviatikbereich hat die NZZ sogar Spezialisten, denen ich vertraue. In anderen Medien wird zu diesem Thema manchmal ein Quatsch erzählt, der geht auf keinen Kuhflügel.
