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September 2007 Archives

6.09.07

Im ICE Inneren

Nach längerem bin ich wieder mal mit dem ICE gefahren. Und zwar mit einem Exemplar der ersten Generation, ein Klassiker aus dem vorherigen Jahrhundert. Mir gefallen die Dinger. Nicht von aussen, da hatten der TGV bis zum Erscheinen von ICE3 die Nase vorn. Beim ICE zählen die inneren Werte. Das Raumdesign ist so schön hell, aufgelockert und grosszügig. Die SBB scheinen die begrenzten Platzverhältnisse der Schweiz auf Sitzlandschaften abzubilden, das ist alles so vollgequetscht wie in einer S-Bahn. Der TGV wirkt mehr wie ein Flugzeug. Alles streng in Reih und Glied und so richtig schön eng, ideal für Batteriehühner aber nicht für mich. Ich stehe eher auf Bodenhaltung. Am liebsten hätte ich noch Auslauf. Das gab es früher in den grossen Fernzügen in den USA, da konnte man am Schluss des Zuges auf dem Observation Desk Frischluft schnuppern. Genauer gesagt Luft mit Dampfruss, was für einen Eisenbahnfan sehr erfrischend ist. Beim ICE wäre das etwas schwierig, bei den hohen Geschwindigkeiten wärs zugig im wahrsten Sinn des Wortes. Zudem müsste eine komplett neue Generation von Drei-Wetter-Taft entwickelt werden, um die Frisuren zu erhalten.

Die grösste Schwäche im Inneren sind die Lüftungsschlitze direkt neben der Armlehne. Der Eis-Zug wird da seinem Namen gerecht. Die Deutsche Bahn scheint da aktiv gegen die Klimaerwärmung vorzugehen. Ein konstanter Luftstrom sorgt für eine nordische Brise. Man ahnt, dass die Ingenieure ihren Urlaub am Strand von Sylt oder Rügen verbringen und Gefrierbrand ein begehrtes Reiseandenken zu sein scheint. Ohne Pullover wäre man rettungslos verloren.

Der neueste Schrei sind die reinen Nichtraucherzüge. Das finde ich auch als rauchender Bekenner ganz ok, in der Luftfahrt gibt es das ja seit Jahren. Das einzig komische ist die seltsame Geruchslandschaft. In einem Raucherabteil weiss man sofort nach was es stinkt. Im Nichtaucher ist es eine unangenehm irritierende Mischung aus nassen Klamotten, Schweiss, Deos und weiss der Teufel was noch alles. Vielleicht kommt da bald ein Konzept, dass alles nach einem dreidimensionalen Erfrischungstuch riecht. Oder es werden Räucherstäbchen angezündet. Dann könnte man das Theme auch weiterziehen und die Lautsprecheransagen umgestalten: "**GONGGG** Der Weg ist das Ziel und die Weisen werden wissen welches Karma Karlsruhe bringt, oh mani padre hum".

Der eigentliche Geheimtipp ist das Bord-Bistro. Nicht dass da eine sensationelle Spitzenküche geboten wird, es sind die Kleinigkeiten, die grosse Begeisterung auslösen. Eigentlich hätte ich etwas Baguettiges gesucht, das aber ausverkauft war. Dann die Erleuchtung: Zum ersten Frikadelle/Bulette/Fleischpflanzerl. Es gibt zig Bezeichnungen und Rezepte. Die Grundidee ist verwandt mit einem Hamburger, der ja nicht zufällig in den USA diesen Namen erhalten hat. Die Pointe ist jedoch, dass es eben kein Hamburger wie bei McDo ist, sondern sehr speziell anders. Dann auch noch das absoltue Highlight des kulinarischen Entwicklung in Deutschland: Die Currywurst - ich stehe auf das ganz spezielle Ketchup und natürlich das Currypulver drüber. Komisch, dass beides in Deutschlang extrem verbreitet ist, aber ein paar Meter hinter der Grenze schwieriger erhältlich ist als weisse Trüffel. Beide Gerichte sind sicher extrem ungesund, Ehrensache. Aber die Bahn hat ja noch nie Werbung gemacht, sie seien eine Wellnessoase auf Rädern. Nähme mich auch Wunder, wie die ein Thermalbad in einen Wagen reinquetschen würden. Vielleicht würde das ja noch mit Ach und Krach gehen, aber dann kommt garantiert einer angerannt und will unbedingt einen Golfplatz haben. Dann müsste man die Züge erheblich vergrössern, wie beim Supertrain, hätte aber wieder das bereits erwähnte windige Problem.

Es gibt höhere Prioritäten. Bevor man sich einen ICE reinziehen kann braucht es ein Billet bzw. für den ICE einen Fahrschein. Beim Versuch des Onliekaufs bin ich richtig auf die Welt gekommen. Da gibt es Organisationen aus dem letzten Jahrtausend wie die SBB, die es nicht auf die Reihe kriegen einen vernünftigen Online-Shop einzurichten. Zehn Jahre nach dem ersten Kauf eines Flugtickets bei Southwest Airlines und im Zeitalter von Amazon würde man gar nicht auf die Idee kommen, dass man da viel falsch machen kann. Aber ja, man kann. Die SBB kommen als Senkrechtstarter in meine Charts mit den schwachsinnigsten Webinterfaces. Da fahren Züge mehr als 200 km/h, aber der Apparat dahinter steckt noch im Zeitalter des Dampfrosses. Positiv gesehen, haben Dampfloks ja etwas nostalgisch romantisches.

30.09.07

Featuritis

Mein kleiner grüner Mactus hat mittlerweile seine innere Schönheit offenbart. Aber keine Panik, ich rede nicht über den Unix-Kernel, sondern ganz ungeeky über die netten Sättigungsbeilagen wie die EiLife Programme. Das grosse Geheimnis hinter der Nutzerfreundlichkeit ist der reduzierte Funktionsumfang. Das hat natürlich eine Schattenseite, ich dachte schon einige Male, wie schön doch dieses und jenes Feature wäre, musste dann aber Mausknirschend deren Abwesenheit schlucken. Gleichzeitig ist genau diese Kargheit eine grosse Erleichterung. Wenn man eine Funktion im Menü bzw. der Hilfe nicht findet, ist sie eben auch nicht da. Punkt. Alles halb so schlimm, denn die wichtigsten Sachen sind ja schon vorhanden.

Bei fetten, höhergelegten Programmen ist die Verzweiflung eine ständige Begleiterin, vielleicht sogar deren Schutzpatronin. Wenn man etwas nicht findet, heisst das meistens, dass man am falschen Ort oder mit der falschen Denkweise gesucht hat und wer endlos weitersucht, wird eines Tages auch finden. Aber eigentlich nie das was man bräuchte, sondern Workaround hier, Krücke da und halt so irgendwie. Das allerfieseste ist dieses ständige Gefühl, dass man ein Programm nie richtig im Griff hat. Positiv gesehen hält dieses Gefühl davon ab, mich als gottähnlicher Master of the Universe zu fühlen, nur weil eine Maschine mir auf den Mausklick gehorcht. Wenn man schon bei Kleinigkeiten an den Anschlag kommt, ist das ein Zeichen, welch kleines Würmchen ich im Universum bin. Nicht dass mich das stören würde, Unvollkommenheit ist ja etwas Natürliches. Ich werde auch den Verdacht nicht los, dass die Schöpfungsgeschichte einfach geschönt wurde, indem verschwiegen wird, dass es nicht einfach Licht wurde, sondern zuerst mal tagelang an der Datei Licht.ini gefummelt wurde und die Sache erst nach zig Meldungen à la "Allgemeiner Universumfehler" langsam ins Rollen kam.

Wenn auf dem Mac das i-versum dann langsam zu eng wird, braucht es weitere Programme. Für den Spieltrieb ist es schon schön, wenn man an grossen Programmen eine Unmenge an Einstellungen verändern kann. Gleichzeitig ärgere ich mich bei Office-Paketen seit Jahrern, dass ich jedesmal in mühseliger Handarbeit all die ätzenden Assistenzfunktionen abschalten muss. Eigentlich halb so schlimm, Es ist reine Übungssache und zudem gibt es ein wohltuendes Gefühl wenn ich mein Helfersyndrom ausleben kann, und hilflose Opfer von roten Wellenlinien befreien kann. Natürlich gibt es auch Leute, die genau solche Features schätzen. Seit geraumer Zeit versuche ich eine Umfrage zu finden, wieviel Prozent der Menschheit auf rote Wellenlinien abfährt und wieviele Prozent dieses Feature in der Pfeife rauchen. Vermutlich sind der grösste Anteil die Passivraucher, die gar keinen Gedanken dran verschwenden ob etwas gewünscht ist oder nicht. Hauptsache man schafft es irgendwie einen Brief zu schreiben. Vermutlich zählen auch die Softwarehersteller zu Letzteren. Microsoft & Co. erzählen gerne was von umfangreichen Usability-Tests, würden aber wohl besser was vom Pferd erzählen. Das wäre unterhaltsamer.

Eine weitere seltsame Überlegung: Wie wäre es, wenn eine Funktion implementiert würde, aber nicht automatisch aktiv ist? Undenkbar, Features scheinen geborene Alphatierchen zu sein, die sich ständig in den Vordergrund drängen müssen. Und auf dem digitalen Schlachtfeld werden im Kampf um möglichst viele Menüfenster und Fehlermeldungen die User als Geiseln genommen. Das Wettrüsten mit Funktionen mittlerweile beängstigende Ausmasse angenommen.

Sicher sind wir nicht ganz unschuldig. Eines der Hauptprobleme liegt meines Erachtens schon im Geschäftsmodell des Softwareverkaufs. Wer zahlt schon Geld für Progrmme, die unter der Haube verbessert werden um stabiler, schneller und kooperativer zu werden. Das erachten wir als selbstverständlich bzw. gehört eher zur Kategorie kostenloses Update. Um Geld zu verdienen haben die Hersteller keine andere Wahl als zig neue Funktionen zu lancieren. Zudem achten die wenigsten Käufer auf verborgene Werte. Die Liste der Funktionen ist immer noch ein zentrales Beurteilungskriterium. Auch deshalb, weil man ja später nicht etwas vermissen möchte und dann ein mühseliger Wechsel zu einem anderen Programm bzw. einer neuen Bedienoberfläche in Kauf nehmen will. Besser, die Leute werden einmal richtig zugedeckt und rudern gleich von Anfang an hilflos in der Gegend rum.

Die Funktionen müssen nicht zwingend einen Kundennutzen haben, sondern nur möglichst begehrenswert tönen und im Marktgeschrei herausstechen. Wenn sie sich später dann als faule Eier entpuppen, heisst es nur ätsch, dann ist das Geld weg. Hoffentlich setzt sich das Mietmodell langsam durch. Man bezahlt für eine bestimmte Nutzungsdauer und die Hersteller sind viel stärker daran interessiert, die bestehenden Nutzer bei der Stange zu halten als Verkäufe um jeden Preis zu machen. Dadurch erhalten die bestehenden Benutzer eine Stimme, die sie bislang nicht hatten, denn wie sagt Konfuzius so schön: Aus dem Laden - aus dem Sinn. Und an diesem Problem haben auch Online-Shops nichts verändert. Aus dem Kabel - aus dem Sinn, also alter Wein im Schlauch 2.0

Unter diesem Blickwinkel ist natürlich OpenSource prädestiniert für bessere Software. Da es keine Lizenzkosten gibt, wird der Wettbewerb von Anfang an über den Service ausgefochten. Software die weniger Probleme macht, bedeutet höhere Gewinne. Wie die Beispiele OpenOffice oder Gimp zeigen, ist aber gerade in der technikverliebten Hackerszene das Thema Einfachheit/Usability ein schwarzes Schaf. Wer keinen Bock hat, stundenlang rumzupröbeln oder Foreneinträge zu lesen, ist eh ein Aussenseiter und für solche Deppen gibts ja Windows oder eben den Mac. Gleichzeitig fällt auf, dass in der OpenSource Szene kleine fixe Programme wie beispielsweise Abiword eine wachsende Fangemeine haben. Nun müsste der Mac nur noch etwas schlauer werden und solche Programme sauber ausführen, und die Türen zum Paradies stünden offen. Vielleicht nicht ganz offen, aber ein kleiner Spalt reicht für ein schlankes Programm allemal um durchzuhuschen.

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