Im ICE Inneren
Nach längerem bin ich wieder mal mit dem ICE gefahren. Und zwar mit einem Exemplar der ersten Generation, ein Klassiker aus dem vorherigen Jahrhundert. Mir gefallen die Dinger. Nicht von aussen, da hatten der TGV bis zum Erscheinen von ICE3 die Nase vorn. Beim ICE zählen die inneren Werte. Das Raumdesign ist so schön hell, aufgelockert und grosszügig. Die SBB scheinen die begrenzten Platzverhältnisse der Schweiz auf Sitzlandschaften abzubilden, das ist alles so vollgequetscht wie in einer S-Bahn. Der TGV wirkt mehr wie ein Flugzeug. Alles streng in Reih und Glied und so richtig schön eng, ideal für Batteriehühner aber nicht für mich. Ich stehe eher auf Bodenhaltung. Am liebsten hätte ich noch Auslauf. Das gab es früher in den grossen Fernzügen in den USA, da konnte man am Schluss des Zuges auf dem Observation Desk Frischluft schnuppern. Genauer gesagt Luft mit Dampfruss, was für einen Eisenbahnfan sehr erfrischend ist. Beim ICE wäre das etwas schwierig, bei den hohen Geschwindigkeiten wärs zugig im wahrsten Sinn des Wortes. Zudem müsste eine komplett neue Generation von Drei-Wetter-Taft entwickelt werden, um die Frisuren zu erhalten.
Die grösste Schwäche im Inneren sind die Lüftungsschlitze direkt neben der Armlehne. Der Eis-Zug wird da seinem Namen gerecht. Die Deutsche Bahn scheint da aktiv gegen die Klimaerwärmung vorzugehen. Ein konstanter Luftstrom sorgt für eine nordische Brise. Man ahnt, dass die Ingenieure ihren Urlaub am Strand von Sylt oder Rügen verbringen und Gefrierbrand ein begehrtes Reiseandenken zu sein scheint. Ohne Pullover wäre man rettungslos verloren.
Der neueste Schrei sind die reinen Nichtraucherzüge. Das finde ich auch als rauchender Bekenner ganz ok, in der Luftfahrt gibt es das ja seit Jahren. Das einzig komische ist die seltsame Geruchslandschaft. In einem Raucherabteil weiss man sofort nach was es stinkt. Im Nichtaucher ist es eine unangenehm irritierende Mischung aus nassen Klamotten, Schweiss, Deos und weiss der Teufel was noch alles. Vielleicht kommt da bald ein Konzept, dass alles nach einem dreidimensionalen Erfrischungstuch riecht. Oder es werden Räucherstäbchen angezündet. Dann könnte man das Theme auch weiterziehen und die Lautsprecheransagen umgestalten: "**GONGGG** Der Weg ist das Ziel und die Weisen werden wissen welches Karma Karlsruhe bringt, oh mani padre hum".
Der eigentliche Geheimtipp ist das Bord-Bistro. Nicht dass da eine sensationelle Spitzenküche geboten wird, es sind die Kleinigkeiten, die grosse Begeisterung auslösen. Eigentlich hätte ich etwas Baguettiges gesucht, das aber ausverkauft war. Dann die Erleuchtung: Zum ersten Frikadelle/Bulette/Fleischpflanzerl. Es gibt zig Bezeichnungen und Rezepte. Die Grundidee ist verwandt mit einem Hamburger, der ja nicht zufällig in den USA diesen Namen erhalten hat. Die Pointe ist jedoch, dass es eben kein Hamburger wie bei McDo ist, sondern sehr speziell anders. Dann auch noch das absoltue Highlight des kulinarischen Entwicklung in Deutschland: Die Currywurst - ich stehe auf das ganz spezielle Ketchup und natürlich das Currypulver drüber. Komisch, dass beides in Deutschlang extrem verbreitet ist, aber ein paar Meter hinter der Grenze schwieriger erhältlich ist als weisse Trüffel. Beide Gerichte sind sicher extrem ungesund, Ehrensache. Aber die Bahn hat ja noch nie Werbung gemacht, sie seien eine Wellnessoase auf Rädern. Nähme mich auch Wunder, wie die ein Thermalbad in einen Wagen reinquetschen würden. Vielleicht würde das ja noch mit Ach und Krach gehen, aber dann kommt garantiert einer angerannt und will unbedingt einen Golfplatz haben. Dann müsste man die Züge erheblich vergrössern, wie beim Supertrain, hätte aber wieder das bereits erwähnte windige Problem.
Es gibt höhere Prioritäten. Bevor man sich einen ICE reinziehen kann braucht es ein Billet bzw. für den ICE einen Fahrschein. Beim Versuch des Onliekaufs bin ich richtig auf die Welt gekommen. Da gibt es Organisationen aus dem letzten Jahrtausend wie die SBB, die es nicht auf die Reihe kriegen einen vernünftigen Online-Shop einzurichten. Zehn Jahre nach dem ersten Kauf eines Flugtickets bei Southwest Airlines und im Zeitalter von Amazon würde man gar nicht auf die Idee kommen, dass man da viel falsch machen kann. Aber ja, man kann. Die SBB kommen als Senkrechtstarter in meine Charts mit den schwachsinnigsten Webinterfaces. Da fahren Züge mehr als 200 km/h, aber der Apparat dahinter steckt noch im Zeitalter des Dampfrosses. Positiv gesehen, haben Dampfloks ja etwas nostalgisch romantisches.
