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Therme Vals

Bisher dachte ich, dass Thermen eher etwas für Wellness-Wahnsinnige wären. Falsch, ein Besuch in der Therme Vals ist Augen-Ayurveda. Der Architekt Zumthor hat ein echtes Glanzstück gebaut. Die Steine haben eine sehr strenge Geometrie, deren Oberfläche ist jedoch abwechslungsreich. Dadurch wirkt das Ganze überhaupt nicht kalt und trostlos wie sonst so gerne von der Moderne praktiziert. Der Bau wirkt mehr wie eine Hommage an das Gebäude "Falling Waters" von Frank Lloyd Wright. Eigentlich kein Wunder, Wasser in Thermen ist ja nicht gerade unüblich. Das ausgefeilte Design zieht eine spezielle Kundschaft an. Wenn es schwarze Rollkragen-Badeanzüge gäbe, würde man die als erstes in Vals entdecken.

In der Anlage finden sich zahlreiche Attraktionen. Neben dem Standardprogramm von süttigheiss bis arschkalt gibts flüssige und feste Bonus-Tracks. Ein Raum mit einem Messingbrunnen entführt auf eine Zeitreise zum U-Boot Nautilus von Jules Verne. Oder man geht um fünf Ecken und es kommt - NICHTS. Aber mit schönen Wänden. Vielleicht habe sie genau dort erst richtig bewusst wahrgenommen. Zum Glück ist das kein Labyrinth, wäre ja nicht so erholsam einen Tag lang Wände abzugehen und nach dem Ausgang zu suchen. Eine Therme ist schliesslich kein Verwaltungsgebäude.

In einem Raum ist das Becken mit Blütenblättern gefüllt. Anfangs war ich nicht ganz sicher, ob im Gebäude eine Kläranlage mit begehbarem Klärbecken integriert wurde, so wegen Wärmerückgewinnung und so. Oder ob ein Bad im Ganges simuliert werden sollte, das dem heutigen Zustand des Flusses entspricht. Daher mal kurz schnuppern und dann eines von diesen schwebenden Teilchen unter die Lupe nehmen. Kein leichtes Unterfangen bei der dezenten Beleuchtung. Aber Schluss mit den Bosheiten, das Blumenbecken ist eine schöne Abwechslung. Eigentlich müsste sich daran ein Becken mit Eselsmilch anschliessen um sich dem Kleopatra-Groove hinzugeben.

Das Dampfbad ist ein begehbarer Inhalator mit intensivem Eukaliptusgeschmack. Nach kurzer Zeit wirkt das irritierend und ich weiss nicht, ob es so toll wäre, als Koala-Bär wiedergeboren zu werden und tag für tag einem Dauerregen von Eukaliptus-Molekülen ausgesetzt zu sein. Die Atmosphäre mit den dicken Dampfwolken hat etwas gespenstisches. Man kann sich plastisch vorstellen, wie die Römer sich in den Wolken der Thermen zu Verschwörungen getroffen haben. Sehr praktisch, denn man sieht kaum wer reinkommt oder hinausgeht. Kann auch gefährlich werden, wenn sich ein Spion einschleicht und man dann am Ausgang von den Prätorianern geschnappt und den Löwen zum Frasse vorgeworfen wird. Wenigstens muss man sich dann keine Sorgen mehr um die verschrumpelten Hände machen. Im warmen Wasser geht das Ruckzuck und selbst wenn man in den dampffreien Zonen seine eigene Hand vor Augen sehen kann, wird man schnell sicher, ob die eigene Hand schon immer so runzelig war.

Der Aussenbereich ist perfekt für meinen Lieblings-Schwimmstil. Auf dem Rücken liegen, langsam im Kreis herumpaddeln und in den Himmel starren. Die aufsteigenden Dampfwolken und der blaue Himmel ergeben ein herrliches Bild. Normalerweise sind Wolken eher weit entfernt. Im dampfenden Wasser bin ich mitten in einer Wolke drin, allerdings ohne dass alle paar Minuten ein Anschnallzeichen aufleuchtet oder eine Ansage ertönt. Dem gegenüber gibt es in einer Therme nichts zu essen. Dieses Konzept haben die Römer schon Jahrhunderte vor Easy Jet eingeführt. Wer von wolkigen Träumereien genug hat, stellt sich unter einen der Starkstrombrunnen. Es tröpfelt nicht einfach müde ein bisschen Wasser herunter, da prasselt halber Niagarafall auf den Kopf nieder. Es ist sehr intensiv, so wie wenn man Vladimir Kltschko in flüssiger Form begegnet.

Zum anschliessenden Entspannen kann man sich auch auf eine Liege betten. Sofern verfügbar, denn wie in billigen Hotels scheint es Leute zu geben, die morgens um sechs aufstehen um ihre Liege zu reservieren. Die persönlich mitgebrachten Badetücher sind der einzige Farbtupfer, die normalen Badetücher sind weiss und passen perfekt zu den dunklen Wänden. Man muss sich nur gut merken wo man es hinlegt, denn es gibt nirgends auf der Welt eine höhere Dichte von weissen Badetüchern, vielleicht mal abgesehen von einer Grosswäscherei. Die farbigen Tücher sind da praktischer. Dummerweise stören einige das durchgestylte Ensemble. Die Muster schwanken extrem in ihrer Qualität. Die Palette reicht von harmonischen, batikähnlichen Mustern bis zu grauenhaften Werbebannern auf Frottéstoff. Sowas sollte verboten werden bzw. von einem Tuchsteher kontrolliert werden: "Du kommst hier net rein, nischt mit den Klamotten...."

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