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Piemont

Es gibt ein paar Weltgegenden die unbedingt besucht werden müssen. Nun habe ich meine Hadsch ins Piemont gemacht. Aber nicht wegen Hasch, da würde man wohl besser nach Jamaica fahren. Das Piememont ist ein Must für Anhänger des Traubensaftes, aber nicht ein Must für Most, sondern für dessen gegorenes Derivat. Barolo und Barbaresco sind die wohlklingenden Namen, dazu kommen diverse weitere Gebiete. Die Italiener nehmen es sehr genau mit dem Branding bzw. den Ursprungsbestimmungen. Die kleinste Stufe ist DO, Denominazione di Origine. Sozusagen die Anfängerstufe für Weine und andere Lebensmittel die so irgendwie von dort kommen - mehr oder weniger. Das stört Puristen, deshalb gibt es noch ein Siegel für kontrollierten Anbau: DOC. Übrigens nicht verwandt oder verschwägert mit dem gleichnamigen Word-Format von Piccolo-Dolce aus Mondorosso. Um Verwechslungen zu vermeiden sind Herkunftsbezeichnungen ja schliesslich da. Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser, aber auch da lässt sich locker noch etwas draufsatteln. Deshalb gibt es DOCG, also DO Controllato e Garantita. Hat zwar einen gesetzlichen Hintergrund, tönt aber schon etwas nach doppio moppio. Unweigerlich stellt sich die Frage, ob das denn schon alles war. Wenn es nach mir ginge, würde ich noch die Stufe DOCGEE einführen: Denominazionte di Origine Controllata e Garantita, Echt Ey. Da sind die Franzosen erstaunlich klar und pragmatisch, es gibt AOC - et voilà.

Aus dem Blickwinkel des Geschmacks und der Value added services sind mir die Italiener trotzdem lieber. Nicht nur die Weine, sondern auch die piemontesische Küche ist ein Knüller. Selten hatte ich so guten Salami. Auch wurde mein Vorurteil korrigiert, dass Risotto immer irgendwie gleich schmeckt und so langweilig ist, wie einer jener full coverage reports von CNN wenn in China ein Sack Reis umgefallen ist. Gut, der Vergleich hinkt, er diente eher der metaphorischen Nähe, denn CNN berichtet nicht aus China ausser bei Olympia und einem Atomkrieg mit Taiwan. Korrekterweise müsste ich sagen .. so langweilig wie ein Bericht über eine Rede von Barack Obama vor Italienern in Idaho, aber dann wäre der Link zum Risotto im Eimer bzw. al Tonno um die Italienità notfallmässig wieder zurückzuholen.

Eine kulinarische Spezialität des Piemont sind Trüffel. Die werden übrigens von Hunden gesucht und nicht von den legendären Trüffelschweinen. Vermutlich weil die Italiener Schweine im Aggregatszustand "Salami" bevorzugen oder die Trüffelschweine im Auslandseinsatz an der Wall-Street sind, um rentable Bankenaktien zu suchen. Was vermutlich nicht funktioniert, denn der strenge Geruch unter Wall-Street kommt nicht von Delikatessen, sondern von den CDO-Leichen im Keller. Und die sind wertlos, ganz im Gegensatz zu Trüffeln welche pro Gramm mehr Kosten als Gold. Der Trick bei Trüffeln scheint die homöopatische Dosierung zu sein. Geringste Mengen geben Würze, aber wer wegen des Preises den Krösuns raushängen lassen will und zuviel draufgibt, produziert schnell ein Essen das nach unbelüftetem Treppenhaus müffelt.

Auf der ganzen Reise genoss ich mehrere Mahlzeiten mit fünf und sogar mehr Gängen. Lukullisch ist da nur der Vorname. Da die Nouvelle Cuisine - wie die Worte schon ahnen lassen - eher woanders zuhause ist, wäre für das Piement der Begriff üppig zutreffend. Natürlich selber schuld, denn jeder Gang ist fantastisch und schreit geradezu nach Totalverzehr. Damit niemand zu kurz kommt, gibts noch Nachschlag und dieser Versuchung mit eisernem Willen zu widerstehen ist ein ziemlich theoretisches Konstrukt. Danach fühlte ich mich ziemlich voll und schlaff. Noch ein Pfefferminzplätzchen und ich wäre explodiert - Jede Wette, dass Monty Python auch schon mal im Piemont war.

Eientlich ist alles nur eine Frage des Übung. Nach wenigen Stunden kamen mir Gedanken, dass ich ja auch wieder mal was essen könnte, zumal Besichtigungen von Weinkellern schon ziemlich kräftezehrend sind. Da werden dann all die Kalorien null komma nichts wieder abgebaut, gell? Meine Hoffnung stirbt nicht einmal zuletzt, die ist eine Art unsterblicher Highlander. Anders ginge es ja nicht, da hätte ich immer ein mulmiges Gefühl wegen all der fiesen Kalorien die mir an jeder Tellerecke auflauern. Genau deshalb haben die meisten Teller auch keine Ecken. Zum Glück ist mein Italienisch ungenügend und daher konnte ich nie eine Waage benzutzen, da ich ja die Bedienungsanleitung sowieso nicht verstanden hätte. So blieb es bei gefühlten Kilos; und Gefühle können bekanntlich sehr trügerisch sein und irrationale Angszustände auslösen. Ich finde Seele sollen Angst aufessen, nicht umgekehrt. Ggf. auch Pasta wenn keine Angst da.

Ein Genussmittel, das keine Kalorien enthält ist Kaffee. Beim Genuss eines Espresso könnte man meinen, das römische Reich sei mit dem osmanischen Reich identisch und die Römer hätten den Kaffeegenuss erfunden und die Bohnen von Arabien aus in der Welt verbreitet. Streng genommen war das ja alles einst eine Suppe, Mare Nostrum genannt. Nur das mit dem Kaffee in Italien kam erst später. Wann und Wie weiss ich nicht. In Österreich ist das klarer. Da hat der Türsteher des Kaffeehauses Sacher ein paar Türken auf Betriebsausflug den Zutritt verweigert. Die fühlten sich unverstanden und sind nach Hause gefahren. Den Kaffee haben sie zurückgelassen. Dann hatten die Habsburger die Erleuchtung, dass Sachertorte alleine auf Dauer zu entönig ist. Seither gehört zu einem netten Kränzchen Kaffee und Kuchen. Aber wie war das in Italien? Im Zweifelsfall würde ich einfach mal behaupten, dass Marco Polo den Kaffee zusammen mit den Spaghetti nach Italien gebracht hat. So wie Starbucks richtigen Kaffee in den USA eingeführt hat. Im Piemont wurde das, was wir mit dem Schimpfwort "Filterkaffee" bezeichnen, als "cafe americano" betitelt. Hart aber gerecht. Die G.I.'s mögen vielleicht Ahnung haben vom Faschistenbesiegen, aber kulinarisch brachten sie eher Unheil über Europa - Collateral Damage sozusagen.

Sogar in der grössten Hektik wird Stil grossgeschrieben. An einer Autobahngaststätte habe ich mich über den Entstehungsprozess eines Kaffees fast mehr gefreut als über das Endprodukt. Mit einer Hand nahm der Barolista den Kolben, hielt ihn unter eine Mühle die losratterte und Pulver einfüllte, stopfte an einer Art Rüssel das Pulver und dann ab unter die Maschine. Hand frei, Knopf drücken, mà! Gehts noch schneller? Als Land ist Italien völlig desorganisiert, fast schon peinlich, aber die Effizienz von Gastronomen ist unübertroffen. Vermutlich weil es meist Familien sind, oder zumindest Teams aus erfahrenen Leuten, die perfekt aufeinander eingespielt sind. Es ist schön Leute zu beobachten, die alles im Griff haben.

Das Piemont ist ein Genuss für alle Sinne. Die hügelige Landschaft mit den pittoresken Dörfern und Burgen auf den Hügeln leisten einen wichtigen Beitrag zum Wohlfühlfaktor. Die durchgestylten Leute (Auch Männer!) runden den optischen Eindruck ab. Einzig das Gehör kam etwas zu kurz. Selber singen ist schön, nur fehlen dann immer noch die Kindheitserinnerungen, als in jeder Bar Adriano Celentano lief. Es könnte auch Zucchero sein. Aber der hat zuviele Kalorien und darum lassen wir den Nachtisch heute mal weg.

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