Aus einer Zocker-Mücke wird ein Rezessions-Elefant. Da werden schon die Geister der grossen Depression von 1929 an die Wand gemalt, die auch recht gemütlich anfing als nach dem Platzen einer Blase sich ein paar Banker vom Dach stürzten. Doch dann liess sich die gesamte Finanzbranche davon inspirieren und Wall-Street wurde in einen Grand Canyon umfunktioniert. So gross, dass darin die gesamte Volkwirtschaft reinhüpfen konnte. Da brach nicht nur die Konjunktur ein, sondern auch der Glaube an die Marktwirtschaft und die Selbstheilung des Marktes. Die Sozialisten lachten sich ins rote Fäustchen und die Nazis boten ein Doppelpack um gleich auch die Probleme der Weimarer Republik an der Wurzel zu packen. Wie bei einem Mc Donalds Happy Meal gabs dann als Zugabe eine nette kleine Überraschung. In den USA ging Roosevelt die Sache ruhiger an. Neben einer Bankenreform und massiven Staatsaufträgen zur Konjunkturbelebung wurden durch Radioansprachen in den "Fireside Chats" die Veränderungen mit ruhiger Stimme erklärt. Also nichts anderes als vertrauensbildende Massnahmen die Ruhe in den gackernden Hühnerstall brachten. Spannend das Gerücht, das der neue Präsident eine Neuauflage auf YouTube plant.
Staatsinterventionen waren lange Zeit normal und Geld für Grossbetriebe in Krisen so sicher wie das Amen in der Kirche. Einfach schöner, weil die Kirche ausser ein paar Obladen nix lockermacht. In den 80ern kam Don Johnson in Miami Vice ans Steuer der Rennjachten und auch die Jünger von Adam Smith und F.A. Hayek begannen das Ruder herumzureissen. Mit dem Kollaps des Ostblocks konnten sie klar Schiff machen und die Meere der Meinungen beherrschen. Interessanterweise behielten gerade die Investmentbanker, also die Speerspitze des freien Marktes, die alten Zeiten in guter Erinnerung. Sie machten die wildesten Akrobatiknummern ohne mit der Wimper zu zucken. Denn es gab ja Risk-Management in Form von Bungee-Seilen. Die Seile sind flexibel und extrem belastbar, da sie aus den Nerven von Steuerzahlern geflochten werden, die bekanntlich sehr dehnbar sind. Vielleicht geben sie ein paar nervöse Zuckungen von sich, aber es besteht kein Risiko eines Nervenzusammenbruchs. Das tönt nach etwas, das man auch woanders kennt: Die Banker wirken wie pubertierende Gören die sich Kraft der totalen Checkung jegliche Interventionen verbitten, aber nach der Orgie erwarten, dass die Eltern das Haus renovieren oder sie aus dem Knast rausholen.
Eigentlich war schon lange klar, dass die Libertarians eine witzige Theorie vertreten, die ziemlich realitätsfern ist. Genauso wie der Marxismus ein Hirn-Gespinst ist, das in Europa rumgegangen ist bis es über die Kette bzw. die Kugel am Bein gestolpert ist. Diese Kugel war der absolute Machtanspruch ohne Limitierung durch die Idee von "Checks and Balances". Die Aufklärung und das Staatssystem der USA hatten diese Themen bereits Jahrzehnte vorher abgehakt, aber der Kalle konnte ja nicht hören, und so stürmten die Ossis genau 200 Jahre später nicht die Bastille aber den Balast där Räbublik. Nicht falsch verstehen. Ich mag Sächsisch weil es so seltsam wie Schweizerdeutsch ist. Zurück zur Weltgeschichte: Ausser der Jahreszahl gab es bei beiden Ereignissen viele Ähnlichkeiten, insbesondere die völlig albernen Frisuren der beteiligten Subjekte. Alles in allem verschwand das marxistische Gedankengut ohne das ein Hahn danach krähte. Gysi gilt nicht, die PDS hat sich kaum die Mühe gemacht das ideologische Konstrukt mal generalüberholen zu lassen. Dabei würde das noch nicht mal was kosten, denn es gibt zig Sendungen wo man alles mögliche Pimpen lassen kann. Man muss nur fragen. Interessanterweise tun die Chicago Boys allen voran die Mont-Pelerin-Society nun dasselbe. Wer den Kopf in den Sand steckt hört keine Kritik. Das Mission-Statement liest sich als ob es nie eine Finanzkrise gegeben hätte - betretenes Schweigen scheint im Moment die Antwort auf alle Fragen zu sein.
Ironischerweise habe ich erst jetzt die Libertatians wirklich verstanden. Nur wenn garantiert keine Kavallerie zur Rettung heraneilt übernehmen Leute bzw. Firmen Eigenverantwortung und erreichen dadurch Freiheit. Soweit die Theorie. Das bezieht sich bei "echten" bzw. anständigen Libertrarians wie Milton Friedmann übrigens nicht auf Leute die das nicht können, die erhalten Unterstützung im Rahmen eines Bürgergeldes (Mindesteinkommens). Erst danach kommt Signor Rossi und hilft bei der Suche nach dem Glück. Quatsch, jeder ist seines eigenen Glückes Rossi.
Ob Firmen oder Banken sowas brauchen klingt nach einem schlechten Scherz. Eigentlich wäre es ja keine grosse Sache die Cash-Community zur Eigenverantwortung zu zwingen. Eine Selbstregulierung mit einem gemeinsamen Rettungsfonds für Notfälle ist nichts Neues. Zahlreiche Reisebüros schlossen in den 80ern einen solchen Pakt um Kunden Sicherheit zu geben, und sich vor dubiosen Anbietern abzugrenzen. Dass Banken eine starke gemeinsame Lobby pflegen erscheint logisch, aber dass sie sich gegenseitig auf die Finger schauen, weil sie im selben Haftungs-Hausboot sitzen, tönt nach tibetanischer Esoterik. Vor allem nach unnötigem Stress, denn im Austausch für ein paar Gefälligkeiten fliessen ja die Manna-Milliarden.
Und weit und breit keiner von den vormals so lauten Libertarians. Ok, sind ja auch nur Menschen und offenbar mussten die gerade mal austreten. Die Hippies haben gefragt "Sag mir wo die Blumen sind...", nun braucht es ein Update: "Sag mir wo die Märkte sind..." Was mich am allermeisten stört ist das schlechte Timing. Wieso ist die Blase ausgerechnet jetzt geplatzt?. Klar, es gibt nie den richtigen Zeit und Ort für eine Katastrophe. Aber aus historischer Sicht wäre es einfacher, wenn der Turbo-Kapitalismus tupf-genau 20 Jahre nach dem Mauerfall den Gulli runtergespült worden wäre. So wie der 30 Jährige Krieg eben 30 Jahre gedauert hat. Sowas kann man sich viel einfacher merken. Schade, dass niemand mehr langfristig denkt.
