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Kultürliches Archives

21.04.07

Kultur mit Bonustracks

Gestern Abend habe ich bei den 3Satlern eine lustige Überraschung erlebt. Von Nano über Kulturzeit bis zur 3Sat Börse trugen die Moderatorinnen ein ziemlich gediegenes Makeup. Aufgrund des silbernen Lidschattens vermutete ich schon, die Damen hätten gerade ein Casting für die nächste DSDS-Moderation hinter sich. Vielleicht um nach all den brotlosen öffentlich-rechtlichen Jahren endlich ins gutdotierte Promibusiness einzusteigen. Hoffentlich irre ich mich, und bei 3Sat hält nun nur etwas mehr Glamour einzug. Natürlich geht es in diesem Sender vor allem um Inhalte. Zum Glück auch, die Anzahl dieser Sender schrumpft ja bedenklich schnell. Dennoch sind ja nicht alle Inhalte wirklich ultrarelevant und dann ist es halt schon schön eine sekundäre Metaebene zu haben. Eine Fall-back-position wie men so schön sagt.

Seit einiger Zeit beobachte ich wohltuende kleine Veränderungen bei den Kulturjournalen. Und zwar zum Guten. Angefangen hat alles mit Annette Gerlach von Arte, als sie geistig Hochprozentiges ganz kokett im kleinen Schwarzen moderiert hat. Und dazu trug sie eine Frisur wie eine Diva aus den 30er Jahren. Natürlich kann man da nicht einfach „boah, ey“ sagen, sondern eher etwas à la „Die Rolle des kritisch behavioralistischen Eskapismus wird in unserer Gesellschaft immer noch nicht in seiner ganzen Bandbreite gewürdigt“. Oder so.

Was mir aber Sorgen macht ist die Erkenntnis, dass ich einen neuen Trend nur über Umwege erfahre. Da gibt man sich solche Mühe, liest In-Style vorwärts und rückwärts, und wird trotzdem auf dem falschen Fuss erwischt. Gut, ich gebe zu, es könnte sein, dass ich mich zu intensiv mit der Werbung für Unterwäsche beschäftigt habe, und deshalb das mit dem silbernen Lidschatten verpennt habe. Also Brigitte meint, dass dies kein Trend sei, sondern eher ein Dauerbrenner/Klassiker. Mir auch recht, aber wieso sagt mir das keiner? Gut, sorry, ich habe ja auch nicht gefragt. Wie dem auch sei, es sah sehr gediegen aus.

Ich würde auch nicht gleich alle Festungen schleifen. Die spröden Damen der Kulturjournale haben nämlich ihren eigenen Reiz. Weil sie nämlich weiter entfernt sind von meiner Welt als beispielsweise Indianer im Amazonasbecken. Wenn dann irgend eine langweilige Meldung kommt, stelle ich mir zum Beispiel vor, dass die Gute das Studium der Kulturgeschichte mit Summa cum laude abgeschlossen hat. Und das mit Alt-Tibetanisch im Nebenfach. Und den letzten Schreibfehler hat sie 1983 gemacht, aber nur um eine dieser Sportskanonen-Jungs zu beeindrucken. Hat aber nichts gebracht.

Was ich wirklich faszinierend finde, ist die Beobachtung, dass auch bei scheinbar spröden Frauen immer noch viel Humor vorhanden ist. Der Gang durch die Institutionen scheint sie nicht gänzlich versauen zu können. Natürlich würden kulturschaffende Frauen niemals einfach vor Lachen lospusten. Es staut sich vielmehr kurz an, wird durch so etwas wie reflektive Resonanz noch verstärkt, und entlädt sich dann wie eine unterirdische Explosion. Kaum sichtbar, aber spürbar. Sicher ist es nicht einfach, solche Frauen zum Lachen zu bringen, aber es lohnt sich, das Feedback ist einfach unglaublich. Gerade weil es so schwer vorherzusagen ist.

27.04.07

Sendung ohne Namen

Die anhaltende Dürre hat ein Opfer gefordert. Der ORF hat die Sendung ohne Namen nach 112 Folgen verdursten lassen. Ich würde sogar behaupten, der Klimawandel zu höheren Durchschnittsquoten eliminierte eine weitere Nischen-Art. Art soll zwar boomen, aber die Avantgarde hatte noch nie einen leichten Stand. Das Konzept der Sendung war ziemlich ausgefallen: Ein Sprecher kommentierte locker gesellschaftliche Entwicklungen, die mit passenden oder unpassenden und meistens ironischen Bildern unterlegt wurden. Als dritte Ebene wurden enzyklopädische Texte eingeblendet. Kurz: Spiegel meets MTV and Wikipedia.

Wie so oft geht das Gejammere erst los wenn alles vorbei ist. Zu Lebzeiten war ich zu faul, mal was Nettes über die Sendung zu sagen. Zumindest nicht öffentlich. In Gesprächen mit zwei Leuten sind wir drauf gekommen, dass wir Sendung ohne Namen gucken und mögen. Das war eine wohltuende Überraschung. Man findet ja nicht so leicht Gleichgesinnte an jeder Strassenecke. Es sei denn, man ist Autofahrer in Zürich und steht auf rote Ampeln. Da gibt es eine riesige Community. Aber das ist eine andere Dimension und kaum kulturorientiert. Anders gesagt, dürfte es einfacher sein, in einem Heuhaufen jemanden zu finden, der die Nadel von Ken Follet gelesen hat, als einen Fan der Sendung ohne Namen.

Die gesammelten Weisheiten finden sich auf der Homepage. Leider gibt es keine DVD's zum Bestellen. Dumm, denn von allem möglichen Müll gibt es Merchandising bis zum Abwinken. Nur hier nicht. Kommt vielleicht noch. Auf jeden Fall hoffe ich auf die Segnungen der Glotze over IP. Dann kommen alle in den Genuss von österreichischer Kultur. Da der ORF1 Spielfilme der grossen Studios ohne Werbung bringt, wurde dem Sender in Deutschland von RTL&Co. der Saft abgeklemmt. Und so war der grosse Kanton ein riesiges Tal von Ahnungslosen, dem die schönen Dinge der Welt vorenthalten blieben. Vielleicht erbarmt sich Arte den Machern, und bringt die Sendung einem breiterem Publikim näher. Zumindest was die technische Reichweite betrifft. Oder MTV steigt ein, denn Sendung ohne Namen ist irgendwie geil, ey.

12.08.07

Europa Park

Der Europa Park in Rust ist eine interessante Mischung zwischen Disneys Magic Kingdom und dem EPCOT Center. Einerseits eine Kopie der Konzepte und gleichzeitig eine Adaption an beengte europäische Platzverhältnisse. Nicht dass man sich gegenseitig auf die Füsse treten würde, denn dann müsste der Park in London Heathrow Airport umbenannt werden. Dann gäbe es natürlich eher mehr Jumbos als Rides. Auf jeden Fall gibt es genügend Möglichkeiten, in andere Welten zu entschweben. Die Welten sind schön gemacht, die Liebe zum Detail ist spürbar. Sicher rümpfen viele die Nase über solche Kulissenwelten. Pech, denn es gibt eine spezielle Dimension, wenn man die Details unter die Lupe nimmt, und sich wieder einmal über schöne Handwerkskunst des Bühnenbaus freuen kann.

Das A und O in einem Freizeitpark sind natürlich die Rides bzw. Bahnen. In Deutschland gibt es den schönen Begriff des Fahrgeschäftes. Das mit dem Geschäft mag ja noch einleuchten, aber das mit dem Fahren ist zweideutig. Eigentlich fährt nicht das Geschäft, sondern die Besucher. Wobei es auch mobile Anlagen gibt. Die müssten dann als Fahrnis-Fahr-Geschäfte bezeichnet werden. Ich habe mich schon einige Male mit Baurecht beschäftigt, und es gibt einen grossen Bereich zum Thema Achterbahnen bzw. Kirmes. Klar ist der Bereich umfangreich, oder hat schon jemand mal ein knapp formuliertes Gesetz gesehen? Durch einen planerischen Blickwinkel erhält man eine ganz abstruse Sichtweise auf das kindliche Thema Vergnügungspark.

Mein absoluter Lieblings-Ride bei Disney ist Pirates of the Caribbean - der Jung'sche Archetyp aller Dark Rides. Im Europa Park gibt es eine Aussenstelle für Freunde von Plündererei und Brandschatzung: Die Piraten von Batavia. Ein schöner konzeptioneller Klimmzug. Da der Ride im Bereich Holland liegt, dort aber eher Wohnwagen denn Piraten verbreitet sind, wurde die ehemalige Kolonie Indonesien bzw. Jakarta, damals Batavia herangezogen. In der nahegelegenen Strasse von Malacca gibt es heute noch Piraten, aber die sind so unromantisch, weil sie moderne Containerschiffe überfallen und die Besatzungen ausrauben. Das haben Piraten vom Prinzip her zwar schon immer gemacht, aber bei Segelschiffen wirkt das irgendwie heimeliger. Der Ride ist am Anfang eine schlechte Kopie von Disney, aber dann legen die Jungs richtig los und man fährt durch eine schöne Welt mit indonesischen Tempeln, mystischen Tempeltänzerinnen und wilden Tigern. Also Piraten und Indiana Jones gleich in einem Aufwasch. Wobei sich Abenteurer natürlich nicht waschen, das würde gegen den Berufskodex verstossen.

Es gibt auch mehrere geplegte Achterbahnen. Die sind erste Sahne weil sie cremig-weich anstatt krass-kinetisch fahren. Beschleunigungseffekt ja, aber keine Looping-Zwirbel und solch perverse Sachen, bei denen einem nachher hundeelend ist wie nach einem Film mit Tom Cruise. Die Bahnen im Europa Park sind eher was für die Freunde des gehobenen Thrills, jedoch ohne die unterkühlte elitäre Distanz, wie sie eine Holz-Achterbahn ausstrahlt.

Eine Attraktion ist mir speziell aufgefallen: Eine Tütschibahn bzw. auf gut deutsch Bumper Cars mit dem Thema Fussball. Die Grundidee des Ineinanderkrachens bleibt erhalten, Deutschland ist ja schliesslich eine führende Nation im Automobilbau. Als speziellen Gag hat die Bahn einen Fussball, den man mit den Autos rumschubsen kann. Das gibt dem Ganzen eine neue Dimension. Man(n) jagt dem Ball hinterher anstatt nur Bumper-Body-Checks zu machen. Plötzlich hat die Bahn einen Sinn. Ich würde nicht soweit gehen und behaupten, dass ich der Frage nach dem Sinn des Lebens erheblich näher gekommen wäre, aber es ist unglaublich wie ein rundes Ding die Wahrnehmung eines bekannten Konzeptes völlig verändert. Fussballstadien waren früher auch eher langweilig als ein paar Leute einfach auf dem Feld rumgerannt sind. Die Erfindung des Balls brachte der Sache dann die entscheidende Wendung.

Nun freue ich mich bereits auf den nächsten Besuch. Nächstes mal gehe ich im Sommer wenn es nicht so kalt ist. Im kalt-regnerischen Winter, d.h. im August, holt man sich leicht eine Erkältung.

30.06.08

Krimistunde

Als leidenschaftlicher Fan von Krimis habe ich natürlich so meine Lieblinge. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass fast alle aus den USA kommen. Eigentlich müsste ich sagen zu unserer Schande, denn ich habe mich schon oft gefragt, wieso es in Europa sowenige spannende Krimiserien gibt. Ich will nicht unfair sein, das ist Geschmackssache. Zu den wenigen Favoriten aus dem deutschsprachigen Raum zählt der Bulle von Tölz. Das Zeter Mordio ist gar nicht so wichtig, vielmehr schätze ich den netten Schlagabtausch mit dem Prälaten und die krummen Dinger von Rambold Toni und seinem alpinen Amigo-Biotop. Streng genommen sind das weniger Krimis, als vielmehr Don Camillo & Peppone mit einem Schuss Verschwörung aus dem Hause von Grisham John.

Im Kernsegment der Krimis is mein unangefochtener Spitzenreiter der trottelige Inspektor, der seit mehr als 30 Jahren immer noch eine Frage hat und nur an seinem Bericht an den Chef interessiert zu sein scheint. Schon hart, dass die Verbrecher das bis heute nicht geschnallt haben, und sich nichtsahnend um Kopf und Kragen reden. Das Schöne daran ist, dass es keine bananle Fallen sind nach dem System Maus=> Käse=> Zack => und tschüss. Vielmehr gleichen sie einem sorgfältig konstruierten Spinnennetz. Auch bei der x-ten Wiederholung ist es spannend zuzusehen, wie sich langsam aber sicher das Netz zuzieht und der Teufel im Detail zuschlägt. Und der trägt noch nicht mal Prada, sondern einen abgewetzten Trenchcoat. Die Glaubwürdigkeit der Handlung ist minimal, dafür sind die zwischenmenschlichen Spielchen Megasüss. In dieser Geschmacks-Liga spielen auch die anderen schrulligen Bullen wie Mister Monk oder Brenda Leigh Johnson (The closer) - zwei Talente am Rande des Nervenzusammenbruchs.

Ein schönes Gegenstück ist Criminal Intent mit eher realistischeren Handlungen und einem wahnsinns Gruselfaktor. Nicht im Sinne von hässlichen Monstern, sondern den seltsamen, gestörten Figuren. An der Spitze Nicole Wallace, der charmante Todesengel aus Australien, die wie ein Kängaru von Leiche zu Leiche hüpft. Leider durfte sie nur viermal zuschlagen und entkommen. Vermutlich wollten die Autoren nicht, dass es einreisst wenn Mörder ungestraft ihrem Hobby nachgehen können und die Zuschauer die Fronten wechseln, weil man sich auf den nächsten Auftritt freut und der Held es schon wieder nicht schafft, die Nuss zu knacken. Wo doch Vincent D'Onofrio sonst so ein zuverlässiger, strebsamer und hartnäckiger Jäger ist. Sobald sich die Handlung festfährt, zuckt er einen Trumpf und die Fieslinge gucken in die Röhre - sonst eigentlich das Privileg des Fernsehzuschauers.

Lange Zeit gefiel mir auch CSI. Bis es zur Massenproduktion verkommen ist und die Handlung den Pfad der tugendhaften Naturwissenschaften verlassen hat. Ich träume ja auch schon lange von einer Bildbearbeitungs-Software die aus einem schlechten Bild einer Überwachungskamera anhand einer Spiegelung in einer Cola-Dose im gegenüberliegenden Strassencafé einen Namen auf einem kleinen Ring einer Hand am Steuer sichtbar macht. Unsereiner würgt sich beim Vergrössern von Bildern mit Krücken wie bikubischer Interpolation einen ab und das Kriminallabor zaubert Informationen aus dem Nichts. Die sollten eigentlich ein Patent auf solche Verfahren anmelden, denn das Informations-Perpetuum-Mobile hat noch keiner erfunden. Eigentlich ist CSI heute mehr Science Fiction als Krimi. Am Anfang war es schön den guten alten Quincy im Zeitalter des Computers wieder im Einsatz zu sehen. Und CSI hat sicher einiges beigetragen, das Interesse an den Naturwissenschaften zu wecken. Vielleicht bekommt man so den Nachwuchsmangel an Ingenieuren in den Griff, denn das Kriminal-Labor wirkt wie ein riesiges Product-Placement des VDI.

Die beste Truppe ist die aus Las Vegas. Die Klonkriege haben kaum was gebracht. In Miami wirkt ein durchgestyltes Labor kindisch, da wäre es konsequenter, wenn gleich der Don Johnson seine Vokuhila-Frisur im Ferrari spazieren fährt. Der einzige artgerechte Vertreter der Kriminaltechniker ist William Petersen. In meiner Lieblingsfolge fängt er ein Techtelmechtel mit einer Domina an. Das hat was. Nicht nur, dass sie den ganzen Tag in superheissen Klamotten rumrennt, das heisst mit Stiefeln, die bis über beide Ohren reichen. Das eigentlich scharfe ist ihre Erfahrung über die Abgründe der menschlichen bzw. männlichen Psyche. Der Kontrast zu einem trockenen Wissenschaftler böte Stoff für eine eigene Serie.

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