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Modern Times Archives

1.04.07

Internetrecherchen

In der heutigen NZZ am Sonntag (nicht frei online) befindet sich auf Seite fünf ein Artikel über die Luftwaffe der Tamil Tigers (LTTE). Die Sunday Times Sri Lanka soll ein Gerücht in Umlauf gebracht haben, wonach die LTTE Flugzeuge vom Typ PC7 oder PC9 besässen. Das Gerücht soll bald darauf widerlegt worden sein. Aber da Webserver ein besseres Gedächtnis als Elefanten haben, bleibt das Gerücht online. Wäre eigentlich nichts dramatisches, wenn das Gerücht nicht weiterhin verbreitet würde, weil die entsprechenden Meldungen nicht geprüft werden. Das ist wie bei einem Elefanten: Der hinterfragt ja auch nicht, ob sein Mahud vor zig Jahren wirklich soo fies zu ihm war. Er weiss einfach, dass er ihm eines Tages eine reinsemmeln wird.

Der Autor kann sich den Seitenhieb nicht verkneifen, dass Internetrecherchen eben ihre Tücken haben. Stimmt eigentlich, Qualitätsmedien prüfen den Wahrheitsgehalt einer Meldung. In der Wissenschaft heisst das Falsifizierung. Es wird gezielt nach möglichen Informationen gesucht, die eine Theorie widerlegen und dann abgewogen, ob diese Antithesen glaubwürdiger sind als die vorliegende These.

Soweit die Theorie. In der redaktionellen Alltagspraxis scheint das offenbar etwas anders auszusehen. Und eben nicht nur bei boulevardesken Medien wie Blick & Co. Im obgenannten Artikel wird der Vogel abgeschossen - um mal bei der Aviatik zu bleiben. Es wird behauptet, dass die LTTE eine Fussnote zur Weltgeschichte geschrieben hätten, weil sie als erste Guerilla eine kleine Luftwaffe aufgebaut hätten. Taja, das kann man durchaus auch leicht anders sehen. Die Weltgeschichte ist schon ein verteufelt langer Zeitraum. Und sieh an, das Time Magazine berichtete 1969 von der Biafran Air Force, die mit umgebauten Anfängerschulflugzeugen während des gescheiterten Unabhängigkeitskampfes Flughäfen der Nigerianischen Luftwaffe angegriffen hat. Also: Wer hat's erfunden? Nein nicht die Schweizer und nicht die Tamilen, sondern die guten alten Schweden ;-)

Aber hier schon eine kleine Einschränkung. Ich nehm das mit den Schweden zurück, das war nur dramaturgisch theatralische Ironie. Es gab ziemlich sicher schon andere Vorläufer. Ich will da lieber nichts behaupten, bin ja schliesslich nicht die NZZ. Ich nutze gerne sogenannte "Internetrecherchen" (gratis) und einfach etwas Fachwissen (unbezahlbar) bevor ich wildes Zeugs erzähle. Dann lese ich Artikel wie den von ToTheCenter etwas genauer und finde in einem guten Text ein paar unlogische Passagen. Das ist nicht schlimm, aber ich übernehme es nicht ungeprüft.

Am wichtigsten ist aber der Trick 17. Wilde Theorien, Spekulationen und Voodoo-Beschwörungen werden kenntlich gemacht. Auch wenn das bei ironischen Aussagen nicht immer ganz so einfach ist. Bei Tatsachenbehauptungen gehören Quellen hin, sofern sie nicht enzyklopedantisches Allgemeingut sind. Haben wir an der Uni gelernt, aber natürlich drauf gepfiffen. Online-Medien erfordern Links und sind deshalb in Bezug auf Quellenangaben ultrabrutal. Schlimmer als Killerspiele. Ein Klick genügt, und die Leser können eine Quelle selber begutachten. Wo sind bloss die guten alten Zeiten geblieben, als man Quellenangaben wild durcheinanderwürfeln konnte und Verweise auf Seitenzahlen per Zufallstreffer aus dem Telefonbuch "ermittelt" hat?

Bis zu einem gewissen Grad habe ich also Verständnis für Schlamperei. Aber wer zum Thema Recherche Schläge austeilt, muss auch einstecken können. Der Fairness halber muss klar gesagt werden, dass ich die NZZ um Längen besser finde als viele andere Zeitungen/Medien. Im Aviatikbereich hat die NZZ sogar Spezialisten, denen ich vertraue. In anderen Medien wird zu diesem Thema manchmal ein Quatsch erzählt, der geht auf keinen Kuhflügel.

13.04.07

Im Spotter-Shop

Für alles gibt es Fachgeschäfte. So auch für Flugzeug-Freaks, oft Spotter genannt. Viele betreiben das Hobby intensiv und verbringen jede freie Minute auf Flughäfen. Ich zähle mich nicht zum harten Kern, eher zum Sympathisantenkreis. Das macht allerdings kaum einen Unterschied, denn nach den Vorstellungen der Staats-Schutz-Spotter ist jeder der Flugzeuge mag, ein potentieller Spotter.

Spotter haben eine faszinierende Freizeitgestaltung. Ein Traumurlaub für einen Spotter ist zum Beispiel ein Besuch in London mit folgendem Besichtigungsprogramm:
- 2 Tage in Heathrow
- 1 Tag in Gatwick
- 1 Tag in Stanstead
- 1/2 Tag in den Docklands (City Airport)
- 1/2 Tag in Luton
Wie man also unschwer erkennen kann, hat London viele Sehenswürdigkeiten zu bieten. Klar, dass da keine Zeit für die Stadt selber bleibt, wieso auch. Der Buckingham Palace schaut ja genauso aus wie auf den Bildern, da lohnt es nicht hinzufahren.

Wenn Spotter heiraten, ist natürlich etwas Kompromissbereitschaft angesagt. Dann gibts zum Beispiel einen Urlaub in Israel. Die Frauen werden am Strand hinterlegt. Die Männer machen sich derweil auf die Socken um Luftwaffenstützpunkte abzuklappern. Was dann ein grösseres Abenteuer ist, als den Amazonas abzuschwimmen. Anstatt von Krokodilen kann man von Wachsoldaten aufgefressen werden. Oder man fährt in die Karibik nach St.Maarten um mal direkt im Abgasstrahl einer 747 zu stehen. Palmenstrand und Schirmchendrinks sind dann eine nette Dreingabe.

Für die Deckung des täglichen Bedarfs gibt es Shops mit Büchern, Karten und natürlich Modellen. In Zürich liegt das beste Lokal in Glattbrugg, genauer gesagt in der Abflugschneise von Kloten. Ich gehe da gerne hin, auch wenn ich mir viele dieser exklusiven Kleinserien-Modelle nicht leisten kann. Ich träume beispielsweise von einer PanAm 727 (545.-- Fr.), weil ich damit während meiner Zeit in Berlin nach Zürich geflogen bin. Oder eine Me262 im Maßstab 1:18 die bereits für schlappe 190 Fränkli zu haben wäre. Mit diesem Flugzeug verbinden mich keine Erinnerungen an die Zeit der Zwiebelschäler. Ehrenwort nicht! Mir gefällt einfach das Design und die für damalige Zeiten fortschrittliche Technik. Die neueste Idee ist der Traum eines Grosswildjägers mit einer imposanten Trophäensammlung im Studierzimmer eines Mansions. Aber keine Angst, da werden keine Flugzeuge abgeschlachtet. Es sind nur Modelle:

flugzeugnasen.jpg

6.09.07

Im ICE Inneren

Nach längerem bin ich wieder mal mit dem ICE gefahren. Und zwar mit einem Exemplar der ersten Generation, ein Klassiker aus dem vorherigen Jahrhundert. Mir gefallen die Dinger. Nicht von aussen, da hatten der TGV bis zum Erscheinen von ICE3 die Nase vorn. Beim ICE zählen die inneren Werte. Das Raumdesign ist so schön hell, aufgelockert und grosszügig. Die SBB scheinen die begrenzten Platzverhältnisse der Schweiz auf Sitzlandschaften abzubilden, das ist alles so vollgequetscht wie in einer S-Bahn. Der TGV wirkt mehr wie ein Flugzeug. Alles streng in Reih und Glied und so richtig schön eng, ideal für Batteriehühner aber nicht für mich. Ich stehe eher auf Bodenhaltung. Am liebsten hätte ich noch Auslauf. Das gab es früher in den grossen Fernzügen in den USA, da konnte man am Schluss des Zuges auf dem Observation Desk Frischluft schnuppern. Genauer gesagt Luft mit Dampfruss, was für einen Eisenbahnfan sehr erfrischend ist. Beim ICE wäre das etwas schwierig, bei den hohen Geschwindigkeiten wärs zugig im wahrsten Sinn des Wortes. Zudem müsste eine komplett neue Generation von Drei-Wetter-Taft entwickelt werden, um die Frisuren zu erhalten.

Die grösste Schwäche im Inneren sind die Lüftungsschlitze direkt neben der Armlehne. Der Eis-Zug wird da seinem Namen gerecht. Die Deutsche Bahn scheint da aktiv gegen die Klimaerwärmung vorzugehen. Ein konstanter Luftstrom sorgt für eine nordische Brise. Man ahnt, dass die Ingenieure ihren Urlaub am Strand von Sylt oder Rügen verbringen und Gefrierbrand ein begehrtes Reiseandenken zu sein scheint. Ohne Pullover wäre man rettungslos verloren.

Der neueste Schrei sind die reinen Nichtraucherzüge. Das finde ich auch als rauchender Bekenner ganz ok, in der Luftfahrt gibt es das ja seit Jahren. Das einzig komische ist die seltsame Geruchslandschaft. In einem Raucherabteil weiss man sofort nach was es stinkt. Im Nichtaucher ist es eine unangenehm irritierende Mischung aus nassen Klamotten, Schweiss, Deos und weiss der Teufel was noch alles. Vielleicht kommt da bald ein Konzept, dass alles nach einem dreidimensionalen Erfrischungstuch riecht. Oder es werden Räucherstäbchen angezündet. Dann könnte man das Theme auch weiterziehen und die Lautsprecheransagen umgestalten: "**GONGGG** Der Weg ist das Ziel und die Weisen werden wissen welches Karma Karlsruhe bringt, oh mani padre hum".

Der eigentliche Geheimtipp ist das Bord-Bistro. Nicht dass da eine sensationelle Spitzenküche geboten wird, es sind die Kleinigkeiten, die grosse Begeisterung auslösen. Eigentlich hätte ich etwas Baguettiges gesucht, das aber ausverkauft war. Dann die Erleuchtung: Zum ersten Frikadelle/Bulette/Fleischpflanzerl. Es gibt zig Bezeichnungen und Rezepte. Die Grundidee ist verwandt mit einem Hamburger, der ja nicht zufällig in den USA diesen Namen erhalten hat. Die Pointe ist jedoch, dass es eben kein Hamburger wie bei McDo ist, sondern sehr speziell anders. Dann auch noch das absoltue Highlight des kulinarischen Entwicklung in Deutschland: Die Currywurst - ich stehe auf das ganz spezielle Ketchup und natürlich das Currypulver drüber. Komisch, dass beides in Deutschlang extrem verbreitet ist, aber ein paar Meter hinter der Grenze schwieriger erhältlich ist als weisse Trüffel. Beide Gerichte sind sicher extrem ungesund, Ehrensache. Aber die Bahn hat ja noch nie Werbung gemacht, sie seien eine Wellnessoase auf Rädern. Nähme mich auch Wunder, wie die ein Thermalbad in einen Wagen reinquetschen würden. Vielleicht würde das ja noch mit Ach und Krach gehen, aber dann kommt garantiert einer angerannt und will unbedingt einen Golfplatz haben. Dann müsste man die Züge erheblich vergrössern, wie beim Supertrain, hätte aber wieder das bereits erwähnte windige Problem.

Es gibt höhere Prioritäten. Bevor man sich einen ICE reinziehen kann braucht es ein Billet bzw. für den ICE einen Fahrschein. Beim Versuch des Onliekaufs bin ich richtig auf die Welt gekommen. Da gibt es Organisationen aus dem letzten Jahrtausend wie die SBB, die es nicht auf die Reihe kriegen einen vernünftigen Online-Shop einzurichten. Zehn Jahre nach dem ersten Kauf eines Flugtickets bei Southwest Airlines und im Zeitalter von Amazon würde man gar nicht auf die Idee kommen, dass man da viel falsch machen kann. Aber ja, man kann. Die SBB kommen als Senkrechtstarter in meine Charts mit den schwachsinnigsten Webinterfaces. Da fahren Züge mehr als 200 km/h, aber der Apparat dahinter steckt noch im Zeitalter des Dampfrosses. Positiv gesehen, haben Dampfloks ja etwas nostalgisch romantisches.

16.10.07

Airbus A380

Nun ist die fliegende Kartoffel flügge geworden. Der erste A380 wurde an Singapore Airlines ausgeliefert. Übergewicht ist ja bei Menschen der Megatrend, da können Flieger nicht zurückstehen. Rubens takes off. Obwohl mir die B747 von aussen besser gefällt, haben die zwei vollen Decks der A380 ihren Reiz aus dem Blickwinkel des Interior Design. Wie so oft wiederholt sich auch in der Aviatik die Geschichte. Von den flippigen Design-Ideen ist am Ende fast nichts übriggeblieben, die ganze Einrichtung wird von pragmatisch-wirtschaftlichen Zwängen beherrscht. Die ganze Einrichtung? Nein, eine kleine gehobene Klasse leistet erbittert Widerstand. Die neue First class macht ihrem Namen alle Ehre.

Wie beim Orient-Express gibt es private Abteile. Die upper class kriegt also ein eigenes fliegendes Klassenzimmer. Natürlich nicht ganz ungefährlich, denn wenn es 12 rachsüchtige Gestalten auf einen abgesehen haben, können sie jemanden ziemlich unbemerkt abmurksten. Und auch wenn Messer nicht in der nötigen Stichstärke griffbereit sind, tut es notfalls ein geschliffener USB-Stick. Ok, ziemlich unrealistisch; denn wenn Hercule Poirot 550 Leute vernehmen müsste, wäre der Film nicht sonderlich spannend. Mir gefällt einfach die Idee der Privatabteile, auch wenn ich vermutlich kaum je in den Genuss einer so luxuriösen Reise kommen werde. Und die Holzklasse ist so unromantisch wie eh und je. Auf den Websites von Seat Expert oder Seat Guru kann man die Pläne der Inneneinrichtungen anschauen und falls möglich, sich die guten Plätze schon bei der Buchung unter den Nagel reissen. Ich finde Seat Guru übersichtlicher, aber beim A380 hat der Erzrivale die Nase vorn und die Pläne von Singapore Airlines bereits online gestellt.

Die Evolution ist in der Luftfahrt bei Inneneinrichtungen viel grausamer als im Dschungel. Farbenfrohe Paradiesvögel haben kaum eine Überlebenschance. In den 30er Jahren waren viele Anbieter im Reisegewerbe der Meinung, dass Flugzeuge gegen luxuriöse Züge und Ozean-Dampfer kaum eine Chance hätten. Die Leute würden niemals für ein paar Stunden Zeitgewinn sich in eine Sardinenbüchse pressen lassen. Im Pazifikverkehr flog PanAm mit dem ChinaClipper (B314) von Insel zu Insel, auf denen gediegene Strand-Resorts für die Übernachtung bereitstanden. Der Zeppelin war eine interessante Alternative, leider etwas zu brisant. Und nur um das mal gesagt zu haben: Das bei der Hindenburg waren also nicht die Raucher, denn es gab gesicherte Raucherabteile. Die Brandursache waren elektrische Entladungen. Oder von mir aus eine Verschwörung mit dazugehörigen Attentätern, aber sicher nicht die zigarrenqualmenden Herrschaften. Flugreisen wurden scheel angesehen, denn es gab - und gibt - einfach ein Komfortproblem. Der Massentourismus war noch weitgehend unbekannt. Wie ein lebendes Gipfeli mit Wolldecke zu schlafen kam erst später.

Natürlich ist das ganze Gemeckere ziemlich müssig. Ich hätte ja wie die meisten kaum die Mittel mir etwas luxuriöses zu leisten. Schade nur, dass trotz des wachsenden Wohlstandsgefälles die First Class so ein Schattendasein fristet. Klar, diejenigen die es sich leisten können, haben heute einen eigenen Flieger. Aber ausser dem Emir von Abu Dhabi, der sich einen eigenen A380 gönnt, sind diese Privatjets schon ziemlich eng. Das ist natürlich nur die Weltsicht eines Designinteressierten. Es ist einfach spannend, was mit den grossen Flächen in den beiden Jumbo-Modellen alles gemacht werden kann. Ich denke, Singapore Airlines hat nun einen Beitrag geleistet, der Aviatik wieder etwas mehr Magie zu geben. Mein heimlicher Design-Liebling ist ein Entwurf von ca. 1970 für die Nutzung des Unterdecks der B747 als Lounge. Siehe Bild. Man beachte die geschmackvollen Farben. Und wenn ich in sowas fliegen dürfte, würde ich mir Koteletten wachsen lassen, Ehrenwort.

B747 Tiger Lounge.jpg

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